132
„Volksblatt für Teltow-Bceskow-Storkow" nach Kräften zu unterstützen
und den Gastwirten auf dem Lande, die Maßregelungen dafür erleiden
sollten, weil sie ihre Räume Sozialdemokraten zur Verfügung stellten,
Rechtsschutz zuteil werden zu lassen. Ferner ward eine aus sieben
Mitgliedern bestehende ständige Agitationskommission eingesetzt. Auf
einer am 10. September in Berlin abgehaltenen Konferenz ward außerdem
noch eine Lokalkommission für die Provinz Brandenburg gewählt.
Als im Frühjahr 1893 der Reichstag plötzlich aufgelöst wurde, ward
auf einer schnell einberufenen Konferenz aus der Agitationskommission für
die Provinz Brandenburg ein Zentralwahlkomitee gebildet, das im
Verein mit örtlichen und Kreiskomitees den Wahlkampf in der Provinz
leitete. Eine größere und regelrechte sozialdemokratische Provinzialkonferenz
für Berlin und Brandenburg konnte erst wieder im Spätsommer 1894
abgehalten werden. Sie tagte am 16. September jenes Jahres, war von
58 Delegierten aus 30 Orten beschickt, und beschäftigte sich eingehender
mit der Agrarfrage, die mittlerweile in der Gcsamtpartei zur Debatte
gestellt war und einen Punkt der Tagesordnung des nach Frankfurt a. M.
einberufenen Parteitages der Gesamtpartei bildete. Auf Antrag Dr. Lux
beschloß die Konferenz, von der Partei die verausgabe einer eingehenden
beschreibenden Untersuchung der ländlichen Verhältnisse zu verlangen,
und ferner stimmte sie einem von Artur Stadthagen formulierten und
ausführlich begründeten Programm von Forderungen des ländlichen
Arbeiterschutzes zu, das unter anderem ländliche Schiedsgerichte forderte,
die zu zwei Dritteln aus Vertretern der Arbeiter bestehen tlnd,
außer zur schiedsrichterlichen Tätigkeit, auch dazu berufen sein sollten, jährlich
durch Ortsstatut Bestimmungen über die höchste Arbeitszeit und die
Sonntagsruhe der Landarbeiter anzuordnen. Das Agrarprogramm
dagegen, das die vom Frankfurter Parteitag eingesetzte Agrarkommission
ausarbeitete und im Spätsommer 1895 bekanntgab, ward von der etwas
später tagenden 1895er sozialdemokratischen Provinzialkonfercnz für die
Provinz Brandenburg verworfen. Die Konferenz, die 63 Teilnehmer
zählte, stimmte einem Antrag des Wahlkreises Niederbarninr zu, wonach
der bevorstehende Parteitag der deutschen Sozialdemokratie ersucht werden
sollte, einen prinzipiellen Gegner des Agrarprogramms als Korreferenten
für die Beratung des Programms zu bestellen, das Agrarprogramm abzulehnen,
die Tätigkeit der Agrarkommission für erledigt zu erklären und
den Beschluß des Frankfurter Parteitags zu wiederholen, der die von der
vorjährigen Konferenz gestellten Anträge über den ländlichen Arbeiterschutz
zum Parteibeschluß erhob.
Die Verhandlungen der Brandenburgischen Provinzialkonferenzen Jahr
für Jahr im einzelnen durchzugehen, fällt aus dem Rahmen einer Geschichte
der Berliner Sozialdemokratie heraus. Denn den größten Teil dieser Verhandlungen
füllen Erörterungen über die Verhältnisse der einzelnen
Provinzialwahlkreise und der für die Provinz herausgegebenen Zeitungen,
Broschüren und Flugblätter aus, die keinen direkten Bezug auf die
Berliner Bewegung haben. Die organische Verbindung zwischen Berlin
und der Provinz Brandenburg bestand vielmehr im wesentlichen darin,
daß Berlin der Provinz finanziell und agitatorisch half, soviel es nur vermochte.
Die Wahlkreise Berlins setzten regelmäßig größere Summen für