Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

10  Pfennig

Wird  jetzt  nur  noch  I  X  >m  Jahr«  gemocht.  aber
grünbllch  —  alte  }lummcni  5  Pfennig  billiger  —
Ädonneiile»  ISnncn  nur  noch  jung«  MSdcll  werden,
Alt«  Schraubrn-Alionnentinnen  find  jetzt  grade
genug  da.

Kaziürnfreie

Trltorver

Inserate,  je  vermanjchler  je  Ueber,  »serdca  nur
noch  pfundiveife  angenommen;  jede  unnütz«  Qualfcherct
ersuchen  wir  zu  unterlassen.  —  preise  werde»  auSg-tnobe»
  durch  .langen  Leknrich".

Rote

üben

Umnmer

Lokal  -  zentralisiertes  Organ  der  konservativ-revolutionären  Lronkrach-Archistett
St-gltt,.  d-n  SS.  Znli  1905

Zur  Beachtung  k
Mehrere  unserer  Abonnenten  find  bedauerlicherweis«
  in  ihrer  Schulbildung  soweit  zurückgeblieben,
daß  sie  ans  den  Zeilen  unserer  Zeitung  etwas  ganz
anderes  herauslesen,  als  wirtlich  darin  steht.  Dieser
Umstand  hat  nun  dazu  beigetragen,  daß  einige  von
unseren  Leser»,  die  sich  ganz  besonders  getroffen
fühlten,  so  in  Apfrcgnng  geriete«,  daß  sie  in
schonungsloser  Weise  eine  Um-  und  Verarbeitung
unserer  Redakteure  mittelst  Fäusten,  Knüppel»,  Viergläsern,
  Stuhl-  und  Tischbeinen  vornähme».  Noch
vor  wenigen  Tagen  konnte  man  einen  unserer
Redaklionskollcgcn  mit  dem  'rechten  Arm  in  der
Binde  umherlaufen  sehen.
Llm  nun  ähnlichen  liebenswürdigen  Angriffen
».'.iS  dem  Wege  zu  gehen  und  nicht  !»  die  Lage
verseht  zu  werden,  von  den»  Recht«  der  Notwehr
Gebrauch  zu  machen,  haben  wir  Beranlassung  genvmmen,
  unsere  RcdaktionSrkiume  zu  verlege».
Dieselben  befinde»  sich  vom  hcii.uacn  Tag«  ab
bis  auf  weiteres  13,7  Meter  unter  der  Erdoberfläche,
unweit  des  ttcbcrgangcö  vom  Festplay  zur
Festwiese.  Der  Eingang  zu  diese»  unterirdischen
Räumlichkeiten  ist  mir  Strauch  und  grünem  Nase»
bedeckt  und  nur  bei»  Mitgliedern  unserer  Redaktion
bekannt.
Wir  richte»  deshalb  hiermit  das  Ersuchen  an
einen  jede»,  der  de»  Ueberaang  passiert,  recht  vorsichtig ­
  zu  sein  und  nicht  durch  zu  weites  Abschwenken
feinem  sicheren  Ttnrze  mit  daraufsolgenden»  Tode
enigegenzugehen.'
gchhlion  und  gering  der  „ttttnur  gelt  gäben“.

Befehl  J  Es  wird  hiermit  den  Lesefrihen  der
ehemaligen  -  „KreiS-Rübc"  kund  getan,  daß  diese
Zeitung  von  seht  an  den  Namen  „Rote  Rüben"
trägt,  da  frühere  besagte  „KreiS-Rübc"  einen  also
spottschlcchken  Charakter  trug,  daß  eS  für  unseren
KrelS,  der  durch  dir  Roten  schon  so  verbumfiedelt
worden  ist,  eine'wahre  Affenschande  gewesen  ist.
Wir  werden  hinfilro  jede  Schandtat  und  Verhonepipelung
  mit  Feuer,  Schwefel  unb  Rhabarber
zu  rächen  wissen,  eventuell  durch  eine  gepanzerte
Backpfeife.  Der  Landgraf!
Bekanntmachungen.  Da  i»  unserm  „Brudervaicrlande",
  dem  heiligen  Rußland,  di«  nötige
Ordnung  und  Llntcrtanentreue  direkt  vermanscht
worden  ist,  und  zwar  von  janz  geruchlose»  Menschen,
die  sich  den  Rainen  „Rammulukionüre"  zugelegt
haben,  ist  cs  an  der  Zeit,  daß  wir  darum  unsere
Sozis  etwas  auf  die  frechen  Fingern  klopfen,  noch

mehr  aber  auf  ihr  Rlesenmaul.  Wir  geruhen  somit
zu  bestimmen,  daß  vom  24.  Juli  ab  jede  Muddclci
unserer  Kreisuntertancn  mit  den  Sozis  aufzuhören
hat.  Sämtliche  Klosetts  sind  streng  zu  beobachten,
ob  sich  dort  Zeitungen  oder  sonstiges  rote  Geschreibsel
vorfindet.  Bei  Äorfindung  derartiger  gefährlicher
Sachen  ist  das  Klosett  sofort  polizeilich  zu  schließen
und  Anzeige  zu  erstatten.  I  starkes  Aufgebot  von
kosakcnähnuchen  Grndärmen  steht  immer  zur  Verfügung, ­
  unter  dem  schneidigen  Kommando  des
Laiidgendärmclandabends  -  Abgeordneten  Lämmer.
ES  ist  geradezu  eine  Kreiswohltätigkeitsbestrebuna.
wenn  so  eine  Portion  dreister,  elender,  infamer,
vaterlandSlosrr  Rotbuben  um  die  Ecke  gebrach:
werden.

Zu  der  goldigen  Lochzeit  dcS  Kronprinzen  von
Teltow-Nudelburg  und  seinem  Weibe,  der  allerdurchlvchtigsten
  Prinzessin  Coronna-Astewiy,  soll  zu
deni  LochzeitSgesthenk  —  eine  goldene  Bratpfanne
mit  Musik  »nö  Räder  —  noch  viel  Geld  gefainmelr
werden.  Pumpen  könne»  wir  nischt  mehr,  da  das
Automobil  schon  genug  Geld  kostet/  Ich  befehle
daher,  wenn  cs  Euch  auch  schlver  fällt,  an  dem
demnächst  erscheinenden  Gerichtsvollzieher  pro  Kopf,,
ob  Säugling,  ob  GrciS,  2,75  Mk.  abzuliefern,
widrigenfalls  sofort  mit  voller  Wucht  zur  Pfändung
geschritten  wird.  Am  Lochzcilstagc  selbst  hat  jeder
abwechselnd  2  paar  Knobländer  und  2  Brödchcn
zu  liefern.  Ein  Llnteroffizler  wird  zu  jedem  Familienvater ­
  kommen  und  feststelle»,  ob  er  fingen  kam:.
Jeder,  der  dazu  imstande  ist,  hat  dann  :n  der  Kirche
zu  erscheinen  und  zwar  in  apfelsincnfarbigein  Strohhui

Der  Löwe  von  Teltow.
(87.  Fortsetzung.)
,  Töff!  köff!  Eine  Staubwolke,  ein  riesiger
Gestank  und  jumm  ist  ein  entsetzliches  Dings  vorbei.
Am  WaldcSrand«  sitzt  ein  Pärchen.  Sie  hält  ihn
fest  umschlungen,  und  angstvoll  tönt  ihre  Frage:
„Jacki,  Lieber,  was  war  denn  das?"  —  „Aber,
Kunigunde,  da§  war  der  Löwe  von  Teltow  und  sein
Wüsteittier.  Denlv  daran:  Wüstenkönig  ist  der
Löwe,  -  will  er  'mal  durch  Teltow  fliegen,  -  läuft
er  nicht  nach  der  Lagune,  —  um  im  Grase  'rum  zu
kriechen,  --  sondern  nimmt  die  große  Kanne,  -
gießt  Benzin  aufs  Auko-Pfannle  -  und  durchackert
  rund  und  nett  -  Teltow  wie,  so  'n  Brautnachtsbett."
  —  „Jacki,  Geliebter,  ich  hab'  'ne  Idee,
der  Löwe  muß  mir'n  Schäferstündchen  schenken."  -
«Kunigunde,laß  dich  umarmen,  mein  Geldbeutel  lacht."
Eine  Zeitlang  hört  man  nichts  wie  Knautschen
und  Küssen  der  beiden  anständigen  Wiesenpieper.
Ein  reich  ausgestattetes  Zimmer.  In  einem
weichen  Plüschsofa  ruht  der  Löwe  von  Teltow.
Behaglich  lauscht  er  bei  wcitgeöffnctcm  Fenster  dem
Liede  der  Finken.  Da  wird  ihm  ein  Telegramm
von  einem  schmucken  Gendarm  übergeben.  Der  Löwe
erbricht  cS:  „New  Bork  —  Lamburg.  Komme  zwei
Stunden  früher,  5  Ahr  nachmittags,  Bahnhof
Friedrichstraße.  Erkennungszeichen  sechs  Rosen  am
Busen,  du  fünf  Rosen.  Deine  Nichte  Dora."  —
Ein  Schmunzeln  huscht  über  das  Gesicht  des  Löwen.

Ein  herrlicher  Nachmittag.  Bahnhof  Friedrich,
straße,  5  Uhr.  Ein  hochfeines  Automobil  steht  vor
dem  Bahnhof.  Mir  blitzenden  Augen  hält  der  Löwe

Ausschau.  Da  naht  sich  ein  wunderhübsches  Kind,
sechs  Rosen  am  Gürtel.  Sck)vn  von  weitem  ein
eleganter  Knix  und  „Guten  Tag,  OnkelchenI"
Schmunzelnd  hilft  sie  der  Löwe  ins  Auto,  »achdem
  durch  einige  Küsse  die  Nichte  als  solche  festgestellt ­
  worden  war.
An  der  Bordschwelle  steht  ein  elegant  gekleideter
Lcrr  mit  zwei  riesigen  Koffern.  „Onkclchen,"  flötet
die  unwiderstehliche  Nichte,  „selbstverständlich  fährst
ou  nicht,  ich  habe  meinen  Chauffeur  mitgebracht".
Eigentlich  nicht  recht  damit  einverstanden,  aber
widerstandslos  dem  süßen  Gesiötc  gegenüber  Überläßt
  der  Löwe  dem  Chauffeur  die  Führung.
Fort  gebt  cS  in  flottem  Tempo  nach  der  Wegbeschreibung ­
  deS  Löwen.
„Doris,  ich  muß  dir  doch  verschiedene  Sehenswürdigkeiten ­
  zeigen,  «he  du  dein  vorläufiges  Leim
betrittst."  —  „Du  hast  rech«,  Onkelchen,  liebes,  liebeö
Onlelchen,  ich  trink'auch  gar  zu  gern  euer  echtes  Bier."
Das  war  silr  unsern  Löwen  eine  schmeichelnde
Anerkennung  und  noch  dazu  aus  Fraueumund.  In
aufgeräumtester  Stimmung  ging  es  durch  di«  Preußenkneipe,
  Räuberhöhle,  Blumensäl«,  Cafä  Keck,Baucnischänke,
  Nachtasyl  und  endlich  Dressel,  separates
Ziininer.  Ach,  eine  herrliche  Richte  war  es  doch,
ein  Slaatsmädcl,  so  frei  und  ungebunden.  Er  konnte
sich  gar  nicht  satt  «rissen,  und  wieder  und  immer
wieder  hielt  sie  ihm  ihr  Mündchen  bin.  Er  erzählte
ihr  u.  a.,  wie  schrecklich  schwer  cS  ihm  gefallen,  ein
Auto  zu  erlangen,  ivie  man  das  Geld  durchaus
nicht  bewilligen  wollte.  Nur  seiner  größten  Beredsamkeit ­
  gelang  es.  nur  mit  dem  LimveiS  auf  Kultur
und  den  dringende»  Fortschritt  die  Summe  flüssig
zu  machen.  (Liner  Flasche  Sekt  nach  der  andern
wurde  der  LalS  gebrochen,  bis  eben  Onkclchen  in
den  Armen  der  Nichte  leg,  scelig,  hochbeglückt.

Von  Zeit  zu  Zeit  entfuhr  cs  ihm  seufzend:
„Wenn  bloß  die  Olle  nischt  erfährt!"  Doch  ein
kräftiger  Kuß  schloß  ihm  stets  den  Mund.  So  hatte
sich  der  Löwe  noch  nie  amüsiert.  Endlich  mußte
man  an  den  Leimweg  denken.  Doch  der  Löwe  allein
konnte  nicht  mehr  richtig  vorwärts;  so  half  denn
der  Chauffeur  in  liebenswürdiger  Weis«  Onkelchen
in  die  Kutsche  bringen.  Dann  ging  cS  fort  in
sausendem  Trabe  nach  Teltow.

MorgcnS  7  !lhr.  Zn  Teltow  steht  vor  einem
feinen  Lause  ein«  geschloffene  Droschke.  „Luk  —  ju,
kleine  Dora".  löut  cS  auS  dein  Innern  heraus,  „huck
—  ju,  kleine  süße  --  huck  —  ju."  —  Endlich  gelmgt
es  dem  Droschkenkutscher,  de»  Löwen  hcrauSzubekommen.
  Durch  den  Lärm  eilen  schließlich  erschrecken
  Madame  und  Fräulein  Nichte,  die  gestern
drei  Stunden  später  gekomure»,  herbei.  Linker  einem
liebevolle»  Empfang  der  Gattin  wankt  der  Löwe  «ns
LauS.  Am  andern  Tage  hieß  cS:  der  Löwe  ist
gesundheitshalber,  da  er  sich  ein  Bein  gebrochen  hak,
auf  «ine  Erholungsreise.

Pfeilgeschwind  saust  auf  staubiger  Chaussee  em
hochfeines  Automobil  dahin;  darin  sitzen  —  Kum;
gunde  und  Jacki.  Seelenvergnügt  klcpperl  Jacki
mit  dem  Kies,  und  Kunigunde  entwirft  ein  -y-*«-grämn»
  an  den  Löwen:  „Basel,  Schweiz,  ckkacy
herrlicher  Fahrt,  iin  Besitz  einer  anständigen  Summe,
steh«  dir,  süßes  Onkclchen.  dein  Kr.-AutomoMl  w
ctwaS  unwohl  gewordcneir  Zustande  auf  dem  Po  -
dainer  Glilcrbahnhof  zur  Verfügung.  Tanjeno
Dank,  viele  Küsse.  Dein«  Doris."
(Fortsetzung  folgt.)

73.  Titelseite  einer  humoristischen  Festzeitung  vom  jährlichen  Sommerfest
des,Wahlvereins  Teltow-Beeskow
            
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