Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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„Vorwärts"  vom  26.  Oktober  veröffentlichten  Erklärung  gegen  sie  erhoben
hatten.  Die  nun  folgenden  Nummern  des  „Vorwärts"  brachten  noch  Erklärungen ­
  und  Berichtigungen  einzelner  der  Beteiligten,  die  lediglich  die
gereizte  Stimmung  illustrieren,  in  der  Äußerungen  hinüber  und  herüber,
wie  stets  bei  solchen  Konflikten,  falsch  aufgefaßt  oder  gedeutet  wurden.
Es  braucht  kaum  erst  gesagt  zu  werden,  daß  diese  Vorkommnisse  das
größte  Aufsehen  machten  und  in  den  Berliner  Parteimitgliedschaften  lebhhaft
besprochen  wurden.  Dabei  wendete  sich  das  allgemeine  Arteil  in  der  Partei
gegen  die  sechs  entlassenen  Redakteure.  Daß  sie  ihre  Kollektiv-Kündigung
kurzerhand  der  Öffentlichkeit  übergeben  hatten,  ward  als  ein  grober  Verstoß
gegen  die  Rücksichten  betrachtet,  die  sie  der  Partei  schuldeten,  ja,  als  ein
verwerflicher  Disziplinbruch,  der  die  später  gegen  sie  ergriffenen  Maßregeln
rechtfertigte,  und  in  der  Tat  muß  dieser  Schritt,  so  begreiflich  er  dem
Psychologen  ist,  als  eine  arge  Verfehlung  bezeichnet  werden.  Von  seiten
der  Parteiinstanzen  ist  später  festgestellt  worden,  daß  bei  ihnen  die  Absicht
bestand,  nach  Erledigung  der  unter  ihnen  gepflogenen  Vorbesprechungen  auch
mit  den  Redakteuren  zu  konferieren,  und  daß  die  Ausführung  dieser  Absicht ­
  nur  durch  die  Schritte  dieser  vereitelt  worden  sei.  Soweit  wären  die
Instanzen  denn  auch  in  ihrem  Recht  gewesen.  Es  ist  aber  klar,  daß,  wenn  man
dies  den  Redakteuren  von  Anfang  an  auseinandergesetzt  hätte,  es  bei  diesen
schwerlich  zu  der  Erregung  gekommen  wäre,  die  sie  zu  jenem  Schritt  trieb.
Aber  Konflikte  dieser  Art  spielen  sich  selten  ab,  ohne  daß  auf  beiden
Seiten  Verstöße  begangen  werden.  Sogar  die  formale  Korrektheit  kann
dort,  wo  menschlich-kollegiale  Beziehungen  in  Frage  kommen,  materielles
Anrecht  werden.  Für  den  nicht  sehr  genau  und  direkt  Anlerrichteten  wird
es  dann  immer  schwer  sein,  ein  völlig  zutreffendes  Arteil  über  Recht  und
Anrecht  zu  gewinnen.  And  in  dieser  Lage  befand  sich  damals  die  große
Masse  der  Berliner  Parteimitglieder.  Daher  mochten  selbst  von  denjenigen, ­
  die  das  Vorgehen  gegen  die  sechs  Redakteure  für  zu  scharf  hielten,
nur  wenige  bis  zu  einem  formellen  Protest  gehen,  eben  weil  man  auch  das  Verhalten ­
  der  Redakteure  nicht  billigen  konnte.  So  blieb  es  bei  einigen  ganz  vereinzelten ­
  Kundgebungen,  wie  einer  Protestäußerung  einer  am  29.  Oktober
stattgefundenen  Generalversammlung  des  Zentralwahlvercins  des  Kreises
Teltow  -  Beeskow  -  Charlottenburg  und  einer  ähnlichen  Erklärung  Berliner
Mitglieder  des  Vereins  Arbeiterpresse.  Die  übergroße  Mehrheit  der  Parteimitglieder ­
  Groß-Berlins  bedauerte  die  Form  der  Lösung  des  Konflikts,
nahm  aber  diese  selbst  um  so  eher  als  unvermeidlich  gewordene  Tatsache
hin,  als  ja  nun  der  innere  Gegensatz  in  der  Redaktion  des  „Vorwärts"
gehoben  war.  Die  neueingestellten  Redakteure  nahmen  zu  den  Parteifragen
die  gleiche  Stellung  ein,  wie  die  zurückgebliebenen.  Ein  sympathisches
Moment  bei  dem  Konflikt  war  das  offensichtliche  Bestreben  der  beteiligten
Parteiinstanzen,  jede  ökonomische  Schädigung  irgendeines  der  sechs  Redakteure ­
  zu  vermeiden.  Von  vornherein  handelte  es  sich  eben  um  eine
rein  politische  Maßnahme,  die  nichts  von  einer  Maßregelung  an  sich
haben  sollte.  Eine  von  Georg  Gradnauer  im  Namen  der  secks  ausgeschiedenen ­
  Redakteure  im  „Vorwärts"  vom  10.  Dezember  1905  veröffentlichte ­
  Erklärung  führt  aus,  daß  es  diesen  ferngelegen  habe  und  fernliege,
die  subjektiv  guten  Absichten  des  Parteivorstandes  und  der  Preßkommission
in  Zweifel  zu  stellen.
            
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