Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

dagegen den Behörden die Beseitigung bestehender Simultanschulen 
erleichtert werden sollte, legte am 27. Januar 1892 eine große Berliner 
Volksversammlung geharnischten Protest ein, und weitere Protestversamm 
lungen der Berliner Arbeiterschaft folgten in den nächsten Tagen. Der 
Sturm, der auch die bürgerlich-liberalen Kreise der Bevölkerung und einen 
Teil der Bureaukratie erfaßte, war so stark, daß der Zedlitzsche Entwurf 
zurückgezogen werden mußte, und mit ihm verschwand auch sein Arhebcr 
aus dem Ministerium, um fortan als Oberpräsident in der höheren Ver 
waltung für seine Ideen zu wirken. 
Gegen Ende 1892, am 7. Dezember, protestierte die sozialdemokratische 
Arbeiterschaft Berlins in neun großen Volksversammlungen gegen die 
Militärvorlage des Grafen Caprivi, die zwar die zweijährige Dienst 
zeit für die Fußtruppen, zugleich aber auch eine bedeutende Erhöhung der 
Friedenspräsenzstärke des Leeres vorsah und um derentwillen, da das 
Zentrum und die Freisinnigen nicht alles bewilligen wollten, was die 
Vorlage verlangte, der Reichstag am 6. Mai 1893 aufgelöst wurde. 
Für die absolute Ablehnung der Vorlage durch die Sozialdemokratie 
war neben ihrer grundsätzlichen Stellung zum Militarismus auch der 
Llmstand maßgebend, daß nach der Steuerpraxis der Rcichstagsmehrheit 
die bedeutenden Mehrkosten der Militärvorlage durch indirekte Steuem 
anfzubringen waren. Unter anderem drangen Mitteilungen über eine in 
Aussicht genommene Erhöhung der Biersteuer in die Öffentlichkeit, und 
gegen diesen Plan protestierte am 11. Dezember 1892 eine große Ver 
sammlung der Böttcher und Brauer Berlins. Man ließ ihn übrigens 
bis auf weiteres wieder fallen. Dafür tauchte, nachdem der neugewählte 
Reichstag die Leeresvermehrung bewilligt hatte, in der Wintersession 1893/94 
neben anderen Steuerprojekten das Projekt einer Erhöhung der Tabak 
steuer in greifbarer Gestalt auf, und wollte, trotzdem es in fast allen 
Parteien Gegner fand, für eine ganze Weile nicht das Feld räumen. Am 
7. Oktober 1894 protestierten in fünf großen Versammlungen die Tabak 
arbeiter Berlins gegen die Bedrohung ihrer Industrie. 
Latten in den letzten zwei Fällen die Arbeiter besonderer Industrien 
sich ihrer Laut gewehrt, so gab die famose Eulenburg-Köllersche Umsturz 
vorlage wieder Anlaß zu einer großen Protestaktion des ganzen sozia 
listischen Berlin ohne Unterschied von Beruf und Klassenzugehörigkeit. Zn 
16 glänzend besuchten Volksversammlungen wurde am I I. Zanuar 1895 
von der Tribüne herab und durch Zurufe und Abstimmung der Versammelten 
erklärt, daß sie, wie cs in der überall einmütig angenommenen Resolution 
hieß, in der Vorlage ein „neues Sozialistengesetz" und eine Bestätigung 
der Anfähigkeit der herrschenden Klassen erblickten, durch Reformarbeit 
wahrhaft kulturell zu wirken, daß sie gegen die Bestrebungen, die auf Linker- 
drückung von Freiheit und Gerechtigkeit hinausliefen, energisch Protest er 
höben und jeden, der im Reichstag dem Machwerk zustimme, für einen 
Feind der Kultur und des Volkes betrachteten. 
Die Vorlage fiel, und es kam im Spätherbst 1895 der Köller-Streich. 
Wie schnell und kräftig ihn die Arbeiterschaft Berlins parierte und von 
ihrer prompt erfolgten Antwort in zwölf Volksversammlungen ist in 
einem anderen Kapitel (Kapitel 3, S. 81 ff.) geschildert. Der Vollständigkeit 
halber sei jedoch dieses besonders eindrucksvollen Protestes auch hier gedacht.
	        
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