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Im Winter 1903/04 zeigte sich die preußische Regierung in einem
Grade als Lelferin der russischen Polizeiwirtschaft, wie es selbst in
den schlimmsten Reaktionszeiten nicht ärger gewesen war. Russische Flüchtlinge
wurden in einer Weise an die russische Grenze abgeschoben, die sich
von direkter Auslieferung nur durch die grausamere Form unterschied,
Russen wurden der russischen Polizei von der deutschen Polizei als Verbreiter
von in Rußland — nicht in Deutschland — verbotenen Schriften
denunziert, und als in Berlin lebende russische Studenten es wagten, gegen
ihre Bespitzelung Protest zu erheben, wurde eine größere Anzahl von ihnen
auf einen Schub ausgewiesen. Gegen diese Einleitung einer „moskowitischen
Ära in Preußen" nun protestierte am 10. Januar 1904 in Berlin eine
polnische Volksversammlung, der am 11. Februar und am 18. Februar
zusammen 15 große allgemeine Protestversammlungen folgten, die gegen
den „Russenkurs in Preußen-Deutschland" und das Treiben der
russischen Polizei in Deutschland leidenschaftlich Stellung nahmen und den
russischenFreihcitskämpfcrn ihre tiefempfundene Sympathie und Bewunderung
ausdrückten. Nachdem dann am 22. Januar 1905 die zarische Polizei in
Petersburg gegen friedlich mit einer Bittschrift vor den Palast des Zaren
ziehende Arbeiter jene Metzelei verübt hatte, die zum Signal für die folgenreiche
revolutionäre Erhebung im Zarenreich wurde, blieben auch die
Arbeiter Berlins nicht stumm. In 21 großen Volksversammlungen wurde
am 9. Februar 1905 der flammenden Entrüstung der Arbeiter Berlins
über jene Schlächterei Worte verliehen und zugleich ward mit freudiger
Genugtuung die kraftvolle Tätigkeit der russischen und russisch-polnischen
Sozialisten im Kampf gegen den Zarismus und seine Diener begrüßt und
die Forderung erhoben, daß Preußen-Deutschland nun endlich sein unwürdiges
Verhalten zur russischen Freiheitsbewegung aufgebe.
Äus dem Jahre 1904 sind noch größere Demonstrationen zugunsten
der im Frühjahr jenes Jahres einen großen Lohnkampf führenden Bäcker
und der im Lochsommer gegen eine Aussperrung sich wehrenden Former
der großen Maschinenfabriken zu erwähnen. Für die Bäcker demonstrierten
am 18. Mai 7 große Volksversammlungen, für die Former am
17. August 15 Metallarbeiterversammlungen. Ein im Lerbst 1905 spielender
großer Lohnkampf, der ebenfalls Metallarbeiter Berlins betraf, nämlich
der Kampf von Arbeitern der beiden größten Elektrizitätswerke Berlins
für mäßige Verbesserung der Lohnsätze, den die kapitalmächtigen Firmen
mit einer großen Aussperrung beantwortet hatten, rief eine imposante
Gegenäußerung der Berliner Arbeiterschaft gegen diese Maßregelung hervor.
In 25 sehr stark besuchten Volksversammlungen erklärte sie am
5. Oktober ihre Solidarität mit den kämpfenden Arbeitern und ihre Verurteilungen
des Vorgehens jener Werksleitungen. Keine politische oder
gewerkschaftliche Demonstration, aber eine bedeutsame kulturelle Kundgebung
stellte die großartige Feierlichkeit dar, welche im Mai 1905 das
Kunstinstitut der Berliner Arbeiter, die „Freie Volksbühne," zur Erinnerung
an Friedrich Schiller, den hundert Jahre vorher verstorbenen
großen deutschen Dichter des deutschen Volkes, abhielt. Der gehobene Ton,
der auf dieser Feierlichkeit obwaltete, und die geistige Löhe der von Engelbert
Pernerstorfer gehaltenen Festrede waren der Kulturbestrebungen Schillers
durchaus würdig.