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91 und 92. Sozialdemokratisches Flugblatt für den VI. Berliner Neichstagswahlkreis
An die Wähler des 6. Berliner
Reichstagswahlkreises.
Wie der Silvesterrausch in die trübselige Katerstimmmrg überseht,
hat der Reichskanzler Fürst Bülow seinem patriotischen
PosaunensLoß vom 13. Dezember einen wehleidige« Appell
die konservativen und liberalen Parteien zur Bildung
eines Regierungskaptellö rmchfolgen lassen und zwar als
Brief an den Neichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie.
Verständlich ist dieser Notschrei. Denn der Wirr-,
warr unter den Regierungsparteien wuchs riesengroß.
Mit unvermuteter Schnelligkeit hatten die geschichtlichen
Ereignisse beit Widersinn der vorgeblichen Gründe für
die Neichstagöauflösuug erwiesen. Am 13. Dezember
hatte der Reichskanzler die kritiklose Unterwerfung des Reichstags
unter das Kommando des Gcneralstäbk und des Militärkabinetts
verfangt. Der Krieg gegen die 300 im Felde
stehenden HsstSntotten sollte noch auf Jahre hinaus ein Heer
von 8000 Mann erforderlich machen. Als die Mehrheit des
Reichstags sich dieser militaristischen Parole nicht fügen wollte,
wurhe die Auflösungsorder aus Brickcburg verlesen. Genau
gwci Wochen später, am 27. Dezember, wurde in Berlin die
Nachricht bekannt, daß der Hauptstamm der.aufständischen
t ottentotten, die -Sondelszwarts, sich ergeben haben. Die
rgebung dieser armseligen 150 Mann hat aber, selbst nach
Lern Eingeständnis der Offiziösen, dem sogenannten Kriege
tatsächlich ein Ende gemacht.
Noch vor wenigen Tagen suchte die freisinnige VolkSpartci
ihre neugebackene Militärfrömnngkeii dadurch zu betätigen.
daß sie gegen die Sozialdemokratie zu Felde zog mit
der Phrase: „Unsere kämpfenden Jungen in Afrika lassen wir
nicht im Stich !" Die Ergebung der BondelSzwarts hat in
Liese patriotische Pauke ein Loch geschlagen. Man denke nur:
was wäre im Reichstag geschehen, wenn die Ergebung der
BondelSzwarts 14 Tage früher bekannt geworden wäre? Der
Reichskanzler hätte feine unheilverkündende Ausmalung der
Gefährdung des Deutschen Reiches durch die 300 schrecklichen
Hottentotten herunterschlucken müssen. Er hätte froh sein
müssen, noch weit weniger bewilligt zu erhalten, als das
kompromiszbegicrige Zentrum sowieso bewilligen wollte. ES wäre
zu keiner Reichstagsauslösung gekommen, und die Freisinnigen
hätten sich die Blamage ersparen können, sich dem GeneralstabsabsolutiSnnrS
für nichts und wieder nichts zu untetlverfen.
Uns Sozialdemokraten allerdings kann c§ ja-mir höchst
willkommen sein, daß die Gegner in ihrer Verblendung einen 1
Tag der Abrechnung heraufbeschworen und uns selbst dazu
die günstigsten Waffen in die Hand gedrückt haben. Hat doch'
in der KriegSfragc selbst der Gang der Ereignisse die Nichtigkeit
der sozialdemokratischen Stellungnahme vollcnff bestätigt.
Wir haben von jeher die Auffassung vertreten, daß diesem
frivol von den Weißen heraufbeschworenen Krieg durch
menschenfreundliches Entgegenkommen gegen die Eingeborenen
längst ein Ende gemacht werden konnte- Noch im Mat v. I.
hatte sich der Reichstag durch Annahme einer sozialdemokratischen
Resolution auf unseren Standpunkt gestellt. Im
Dezember waren das Zentrum halb, die Freisinnigen - ganz
umgefallen. Möchte aber noch irgend jemand bestreiten, daß
die Hottentotten durch Zusicherung -der Existenzsicherheit in
Ausführung jener Mairesolution weit früher bereits zur
Waffenniederlegung hätten bewogen werden können? Statt
besten.ist der Krieg auf Grund der Deimlinaschcn Niederhetzrmgsstvatsgie
weiter geführt worden. Rücksichtslos ist
deutsches Gut und Blut vergeudet worden. In den drei
Jahren, die der Krieg währt, hat er uns' nahezu 400 Millionen
Mark »md 2<M>0 Menschenleben gekostet. Zehntausend,:
von Eingeborenen sind im Kampfe gefallen oder
durch Hunger und Durst dahingerafft.
Noch menschenleerer als früher ist das Wüsten- und
Eteppenland von Deutsch-Südwestafrika geworden.
Dennoch sollen abermals Millionen über Millionen dort
vergeudet werden. Plant doch die Negierung auch für
FriedcnSzditen die dauernde Beibehaltung einer Truppenmacht
von 5000 Man«, so daß uns nach den bisherigen
Erfahrungen dieses Gebiet dann jährlich einen Neichszuschust
von mindestens 40 Millionen Mark kosten wird, ohne
irgend welche Aussicht, daß die Kolonie jemals auch nur-ihre
Verwalkmgslosten aufbringen wird. Aber das alles soll da§
deutsche Volk kritiklos dem Gutdünken deS Generalstabs und
diesen Bülow. Dernburg u. Co. überlassen, die gerade in der
Beurteilung und Behandlung der Dinge in Südwestasrika
ihre völlige Unfähigkeit erwiesen haben?
Nein l Aus den zahllosen, Skandalen in allen Kolonien,
die von schnrählicher Mißhandlung der Eingeborenen wie von
der Ausbeutung jener Eingeborenen und des deutschen Volkes
selbst durch habgierige Spekulanten immer von neuem Zeugnis
ablegen, drängt sich uns die Lehre auf. das; endlich ein Euds
gemacht werden mrrst mit dieser kapitalistischen Kolonialpolitik,
die uns keinen Nutzen, sondenr nur Schaden bringt,
schweren Schaden materieller und moralischer Art.
In seinem SUvesterbricf wirft Bülow denn auch die Süd-Westafrika-Maske
vom 13. Dezember ab und gesteht offen ein,
daß er schon im Frühjahr, als verschiedene Kolonialforderungen
durch die Reichstagsmchpheit abgelehnt wurden, den Plan gefaßt
habe, es zu einem Bruch mit dem Reichstag zu treiben,
wenn sich die Situation wiederholen sollte. Damit gesteht er
ein. daß es ihm nicht sowohl auf die Durchsetzung einer 6c*
stimmten Kolonialforderung ankommt, als auf eine Machtprobe
zwischen der junkerlich - bureaukratisch - militärische«
Rcgierungscligne und der Volksvertretung. Es handelt
sich jetzt um die Frage, ob bei nns der Regierungsabsoltttismus
herrschen, oder ob des Volkes Willen das
höchste Gesetz sein soll in deutschen Landen.
In diesem Kampf hat die Regierung sich zu den übrigen
reaktionären Parteien auch noch die Freisinnigen als Schutz -
truppe der Reaktion gesichert. Sie will nun den Kampf
führen gegen Sozialdemokratie, Zentrum, Welfen und Polen.
Der Reichskanzler sagt in seinem Silvesterbrief auSdrückiich:
„Die Sozialdetziokrätie stelle ich voran". Da hat er recht,
denn nur von der Sozialdemokratie ist ein ernstlicher Widerstand
gegen dieses reaktionäre Gelichter zu erwarten. Scheut
der Kanzler doch nicht vor dem Staatsstreich zurück. Denn
anders ist seine Drohung mit dem Degen Vonaparteö
nicht zu verstehen.
Alle diese krampfhaften Drohungen sind Eingebungen der
Furcht vor dem wachsenden Einfluß und der wachsenden Macht
der Sozialdemokratie. Es ist ja längst bekannt, daß diese
Furcht in den beschränkten Köpfen der schnapsjunkerlichen und
schlotjunkerlicheu Scharfmacher den Plan eines Wahlrechtsraubcs
ausbrütet. Je gewaltiger das Emanzipationsheer des
Proletariats, die Sozialdemokratie, anschwillt, je klarer und
entschlossener sie ihrem Ziele,- der Befreiung des Volkes
von jedweder Ansbeutnug und Unterdrückung, zustrebt,
um so leichter wird sie alle solche volksfeindlichen Pläne zuschanden
machen. Jeder Ncichstagswähler, der sein Wahlrecht
vor der Antastung durch freche Staatöstreichplans
sichern will, must deshalb einem Sozialdemokraten seine
Stimme geben,
Aber nicht nur um diese große Frage der Vollswahl
handelt cs sich, auf allen Lebensgebieten haben wir die Reaktion
zu bekämpfen.
Im engsten Zusammenhange mit der blut- und geldvergendenden
Kolonialpolitik und der abenteuerlichen Weltpolitik
überhaupt stehen Militarismus und Mariniömuo
mit ihren steigenden Rüstungen zu Wasser und zu Lande.
Darin geht in der Tat Deutschland aller Welt voran trotz der
andauernden Beteuerungen seiner Friedensliebe. Werden doch
jetzt wieder im Etat für 4007 für das Landheer niajt
weniger als 790 Millionen Mark (gegen das Vormyr
51 Millionen Mark. mehr), gefordert; für die Man-