Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Stempelabgaben  bewilligt,  dagegen
mußten  die  Vorlagen  betreffs  Tabak
und  Wein  zurückgezogen  werden.
Lim  die  gleiche  Zeit  erwuchs  der
Regierung  des  Perm  von  Caprivi
ein  gefährlicher  Gegner  in  dem  im
Februar  1893  gegründeten  Bund
der  Landwirte,  der  sich  die  politische ­
  Vertretung  der  Interessen  des
ländlichen  Grundbesitzes  zur  Aufgabe
gemacht  und  schon  auf  die  Wahlen
vom  Juni  1893  seinen  Einfluß  geltend
gemacht  hatte.
Nachdem  die  Mißernten  von
1890/91  überwunden  waren,  hatte  der
Fall  der  Getreidepreise  auf  dem
Weltmarkt  von  neuem  eingesetzt,  und
1893/94  erreichten  die  Preise  von
Weizen  und  Roggen  einen  Stand,
wie  sie  ihn  tiefer  seit  vielen  Jahrzehnten ­
  nicht  gehabt  hatten.  Weizen
fiel  bis  auf  135,  Roggen  bis  auf
118  Mark  die  Tonne.  Schon  ehe
es  dahin  kam,  schrieen  die  Agrarier
nach  Abhülfe  und  setzten  dem  Abschluß ­
  der  Handelsverträge  mit  Rumänien, ­
  Serbien  und  Spanien,  über  die  es  am  15.  Dezember  1893  zur  entscheidenden ­
  Abstimmung  kam,  sowie  namentlich  dem  am  16.  März  1894
zur  Abstimmung  gelangenden  Handelsvertrag  mit  Rußland  den  heftigsten
Widerstand  entgegen.  Nur  dadurch,  daß  die  sozialdemokratischen  Abgeordneten ­
  für  die  Verträge  stimmten,  konnten  diese  eine,  ohnehin  nur
sehr  knappe  Mehrheit  erlangen.  Llm  die  Agrarier  zu  versöhnen,  gewährte
man  ihnen  —  Gesetz  vom  14.  April  1894  —  die  Aufhebung  des  Inditätsnachweises
  bei  der  Getreideausfuhr,  eine  Maßregel,  dank
deren  der  Vertragszoll  für  Getreide,  der  sich  immer  noch  auf  3,50  Mark
für  den  Doppelzentner  belief,  im  Preis  des  heimischen  Marktes  gegenüber
dem  Weltmarktpreis  zum  vollen  Ausdruck  gebracht  ward.  Aber  dieses
„kleine  Mittel"  genügte  den  Agrariern  nicht,  und  ebensowenig  waren  sie
mit  der  Zusage  zufrieden,  ihnen  in  der  Gestalt  von  Landwirtschaftskammern ­
  eine  besondere  Interessenvertretung  einzurichten,  was  für  Preußen
durch  Gesetz  vom  30.  Juni  1894  auch  besorgt  wurde.  Die  ein  halbes
Jahr  nach  den  Reichstagswahlen  von  1893  erfolgten  Abgeordnetenwahlen
hatten  im  preußischen  Landtag  die  Zahl  der  konservativen  Abgeordneten
auf  209  erhöht,  die  der  Freisinnigen  bis  auf  20  vermindert.  Konservative ­
  und  Zentrum  hatten  hier  schon  Anfang  1892  durch  ihre  Packung
in  der  Schulfrage  Caprivi  veranlaßt,  sein  Amt  als  preußischer  Ministerpräsident ­
  niederzulegen,  worauf  der  den  Junkern  viel  genehmere  Graf  Eulenburg ­
  diesen  Posten  erhielt.  Mit  der  Junkerkammer  als  Deckung  führten
nun  die  Agrarier  eine  immer  herausforderndere  Sprache  gegen  Caprivi  und
            
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