126
So ist das ganze 19. Jahrhundert wesentlich ausgefüllt mit den
Konkurrenzkämpfen der Schnellgerberei gegen ihre beiden anderen Riva-
linnen, und das unter Bevölkerungsverhältnissen, welche bei ziemlich
rasch steigender Bevölkerung und der damit verbundenen Industriali
sierung der Kulturstaaten einen rapid steigenden Verbrauch von Leder
bedeuteten. Dem billigen weißgaren Schuhfutter freilich fowie der
Sämischgerberei schien die neue beschleunigte Gerbemethode zunächst nicht
verhängnisvoll zu sein, weil die Eigenschaften ihrer Produkte keinen
Wettbewerb mit Weiß- und Sämischleder zuließen. Aber für diese
letzteren Gebiete war bereits ein neuer Gegner entstanden: die Erfindung
der Dampfmaschine, der Übergang der Textilindustrie zum Maschinen
betrieb, die Steigerung des Baumwollimportes hatten die Tuche
wohlfeil gemacht, und unter der englischen Jmportflut vollzog sich auch
auf dem Kontinent die Verdrängung des Weißen Schuhfutters und der
sämischen Kleidungsstücke durch die billigen Baumwollstoffe. Es fallen
die zahlreichen Zollschranken der kleinen Territorien, und die alten
Produktionsarten im Schuh- und Handschuhgewerbe werden ersetzt durch
die neuen maschinenmäßigen. Die Apparate zum mechanischen Vorzeichnen
der Handschuhe behufs des Ausschneidens mit der Handschere, das
Aushauen der Handschuhteile auf schneidenden stählernen Patronen, die
sogenannte Nähmaschine Z, der Zuschnitt auf mechanischem Wege durch
den Franzosen Jouvin^), die Einführung einer Nähmaschine in die
Handschuhmacherei 3 ) gestalten die Handschuhindustrie zu einer expor
tierenden Großindustrie 4 * * ), so daß z. B. Prag um die Wende des
19. Jahrhunderts 800000 Dtzd. Paare jährlich exportiert °), — und
zwar zu einer Industrie, deren Hauptbedarf von der Glacegerberei oder
von neueren kombinierten Spezialitäten gedeckt wird, während Weiß
und Sämisch nur noch eine sehr geringe Rolle spielen; die letzte welt
wirtschaftliche Phase der Handschuhindustrie ab 1870 bringt das Auf
blühen von Handschuhzentren in Deutschland und damit die Kon
kurrenz des deutschen schafledernen gegen den französischen ziegenledernen
Handschuh 8 ).
Ähnlich vollzog sich der Aufschwung in der Schuhindustrie. Für
den am Anfang des 19. Jahrhunderts noch sehr gebräuchlichen Schaft
stiefel lieferte England elastische Stiefelschäfte 7 ), und Delveau in Paris
1 ) Karmarsch 1872, S. 587.
2 ) Rehlen 1855, S. 142. s ) Wiedfeldt 1898, S. 215.
4 ) Siehe Wiedfeldt S. 1898, 214—215; Schmoller 1870, S. 633 ff.
s ) Zuckerkand! 1896, S. 178.
e ) Lederausstellung 1878, S. 195; Ledermarkt 1893, S. 1235-1237,
1300—1332; Berliner Berichte 1898, Nr. 41, 2. Beilage.
2 ) Beckmann 1796, S. 285; Hermbstädt 1807, Bd. II, S. 179.