Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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aber  die  vegetabilische  Gerbung  war  riesengroß  gewachsen,  sie  hatte
mächtig  übergegriffen  in  das  Gebiet  der  Feinlederindustrie  und  sie  hatte
die  Weißgerberei  bis  auf  wenige  Spezialitäten,  wie  Leder  für  Spielwarenindustrie, ­
  für  Musikinstrumente,  für  billigere  Ballschuhe  fast
erdrückt  x ).  In  Kirchhain,  einem  Hanptsitz  der  Weißlederindustrie,  wo
noch  vor  40—50  Jahren  nur  weiße  Schaffelle  hergestellt  wurden,  sind
heute  nur  mehr  ein  Drittel  der  ganzen  Produktion  weißgar,  und  die
einschlägigen  Adreßbücher  der  Lederbranche  zeigen  einen  von  Jahr  zu
Jahr  verfolgbaren  Rückgang  der  Weißlederfirmen.  Die  vegetabilische
Gerbung  hatte  sich  immer  wieder  erneut,  die  neuauftretenden  Spezialitäten ­
  paßten  sich  in  den  Rahmen  der  neuen  Bedürfnisse  ein,  und  darum
gingen  die  Glace-  und  besonders  die  Weißgerberei,  welche  im  Wechsel
der  Zeiten  vollkommen  unverändert  geblieben  waren,  mehr  und  mehr
zurück;  es  ist  erstaunlich,  daß  trotz  der  großen  Erfinderarbeit,  welche
auch  auf  diesen  Gebieten  geleistet  worden  ist *  2 ),  eigentlich  nichts  für  die
Praxis  Bedeutungsvolles  abfallen  konnte.  In  den  80er  Jahren  des
vorigen  Jahrhunderts  betrug  der  Konsum  an  Leder  pro  Kopf  der  Bevölkerung ­
  in  England  4,9  kg,  in  Deutschland  2,4  kg,  ähnlich  in  Frankreich, ­
  in  Rußland  1,4  kg**);  diese  Zahlen  zeigen,  daß  der  Verbrauchskoeffizient ­
  eines  Landes  mit  steigender  Industrialisierung  steigt;  während
also  der  Lederkonsum  im  Vergleich  zum  Gesamtkonsum  einer  Bevölkerung
sinkt,  steigt  dieser  Konsum  pro  Kopf  der  Bevölkerung  beim  Übergang
zu  intensiveren  Formen  der  Wirtschaft.  Es  sind  das  zwei  Bewegungen,
welche  nicht  miteinander  verwechselt  werden  dürfen.
Die  letzte  Phase  in  jenem  schweren  Konkurrenzkämpfe  der  Gerbemethoden ­
  haben  wir  aber  noch  nicht  dargestellt;  diese  wird  eingeleitet  durch
den  Eintritt  der  Chromgerberei  in  das  Stadium  der  tatsächlichen
Ausübung.  Gleich  der  erste  Schritt  der  Chromgerberei  war,  wie  wir
gehört  haben,  die  Verdrängung  der  französischen  Chevreaux,  also  eines
Hauptproduktes  der  Glacegerbung,  durch  die  Chromchevreaux  vom  Amerikanischen ­
  Markte.  Und  nicht  nur  die  Feinlederindustrie  wurde  durch
das  Chrom  und  seine  Kombinationen  in  ihrem  Absatzverhältnis  eingeengt;
denn  der  nächste  Schritt  war  die  langsame  aber  sichere  Einführung  des
Chroms  in  die  Oberlederindustrie,  und  von  hier  aus  erfolgte  successive
die  Adaptierung  der  Methode  an  schwere  Häute,  so  daß  sogar  die
Treibriemenindustrie  jetzt  im  großen  Umfange  Chromleder  erzeugt.
Auch  die  sämischen  Besätze  auf  Reithosen  werden  schon,  wenn  auch
vorerst  noch  versuchsweise,  aus  Chromleder  hergestellt;  nur  das  Sohlleder ­
  ist  für  Chrommethoden  vorerst  noch  ziemlich  unzugänglich.  Es  ist
')  Vgl.  Schuh  und  Leder  1902,  Nr.  33,  S.  23  ff.
2 )  Vgl.  22.  Jahresbericht  der  Deutschen  Gerberschule  zu  Freiberg  in  Sachsen  1911.
')  Scherzer  1885,  S.  334—335.
            
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