Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

121.  Erste  Seite  eines  Flugblattes  mit  der  Antwort  der  Gewerkschaftskommission
an  die  Sonderbündler

An  die  Arbeiter  Berlins  und  Umgegend.
Achtung!  chewervegerichtSWLhl!

Ohne  all«  Aufregung  haben  sich  feit  dem  Bestehen  der  Gewerbegerichte
  in  Berlin  die  Wahlen  zu  denselben  vollzogen.  Dieser  Zustand
soll  nun,  so  will  eS  daS  lokalistische  GewerkschastS«  Kartell,  sein
Ende  sinden;  diesmal  gibt  cs  Kämpft
In  dem  Organ  d«r  lolalistischen  Sonderbündler,  der  „Einigkeit",
Nr.  4V  vom  8.  Oktober  d.  I.,  von  welchen  ein  Sonderabdruck,  auch
ein  Flugblatt  erscheint,  wird  die  Kampfparolc  de.S  Kartells  gegen
die  in  der  Berliner  Gewerkschafts-Kommission  vereinigte  zentralisierte
Arbeiterschaft  ausgegeben.  Das  Kartell  hat  neun  eigne  Kandidaten
für  die  Gewerbegerichts-Wahlen  aufgestellt  und  präsentiert  diese  den
Wählern  in  alle»  16  Wahlbezirken.  Dies  geschieht  in  der  stillen
Hoffnung,  daß  in  dem  einen  oder  anderen  Bezirk  durch  laue  Wahlbeteiligung ­
  der  zentralorganifierten  Gewcikschaftler  ein  Sieg  der
lokalistischen  Kandidaten  nicht  ausgeschlossen  ist.  Die  große  Maffe
der  Berliner  Arbeiterschaft  soll  also,  so  gut  als  cs  geht,  von
drn  Anhängern  des  Kartells  überrumpelt  werden.  Aus  diesem
einzigen  Grunde  erscheint  auch  der  Kampfescufruf  der  Lokakisten  knapp
acht  Tage  vor  dem  Stattsinden  der  Wahl.
In  letzter  Stunde
wird  also  seitens  der  Sonderbündler  versucht,  den  nicht  eingeweihten
Massen  plausibel  zu  machen,  daß  die  GewerkschaftS-Kommission  eö  fci>
die  den  Kampf  heraufbeschworen  habe.  Einen  Abwehrkampf  wollen
die  Lokalistrn  a»S  ihrem  Angriff  machen.  Der  Spieß  soll  wieder
einmal  umgedreht  werden.  Der  Gewerkschafts-Kommission  und  den
von  ihr  vertretenen  Gewerlschaften  ist-eS  gar  nicht  eingefallen.  Streit
vom  Zaune  zu  brechen;  es  fehlt  ihr  wirklich  alle  Veranlagung  zur
berufsmäßigen  Krakehlerei;  es  fehlt  ihr  aber  auch  dir  Lust,  den
Gegnern  da»  amüsante  Schauspiel  zu  bieten,  wie  organisierte
Arbeiter  sich  gegenseitig  zerfleischen.  Das  war.  von  jeher  nur
das  Prinzist  der  Sonderbündler,  das  Um  und  Auf  alles  dessen,
was  diese  m  sichtlicher  Verwechslung  der  Begriffe  „Klassenkamps"
nennen.  Und  ^un  stellen  sich  diese.  Friedensstörer  aus  Prinzip,  der
Berliner  Arbeiterschaft  in  der  Toga  der  Märtyrer  vor;  sie  schreien
über  Vergewaltigung  und  wollen  dadurch  daS  Mitleid  erregen;  sie
betteln  um  Pardon,  um  später  aus  gesichertem  Hinterhalt  ihre  giftigen
Pfeile  der  zentralorganisierten  Arbeiterschaft  in  den  Rücken  senden,
diese  ob  ihrer  Leichtgläubigkeit  und  ihres  guten  Herzens  auSgiebig
verspotten  zu  können.
Warum  ist  eS  denn  der  Gewerkschafts-Kommission  und  den  zentralen
Gewerkschaften  zur  Unmöglichkeit  geworden,  bei  den  Gewerbegerichts-Wahlen
  mit  den  Lokalisten,  mit  deren  Kartell  Hand  in  Hand  zu
gehen?  Ter  tausend  gewichtige,  weite  und  tiefe  Gründe  find  es,
die  dazu  zwangen  —  zwangen  mit  eherner  Notwendigkeit,  wollte
nicht  die  Majorität  der  Minorität  stetiger  gehorsamer  Diener  sein.
„Wie  entstand  der  Konflikt?"  fragt  die  lokalistische  „Einigkeit"
und  antwortet  selber  darauf:
„B'.S  zum  Jahre  1699  arbeiteten  beide  Richtungen  durch  ihre
Delegierten  gemeinsam  innerhalb  der  Kommission  friedlich  nebeneinander. ­
  Die  in  demselben  Jahre  erforderliche  Anstellung  eines
zweiten  Beamten  gab  Aufschluß  über  die  näheren  Kassenverhältnisse,
wobei  sich  herausstellte,  daß  die  großen  Gewerkschaften  geringer  eingeschätzt ­
  waren  als  kleinere.  Die  Beiträge  sollten  nun  prozentual
verteilt  werde«,  dafür  verlangten  die  großen  Zentralverbände  einen
neuen  Abstimmungsmodus;  sie  erklärten,  für  die  hohen  Beiträge  ein
größeres  Stimmrecht  zu  beanspruchen  und  drohten  mit  sofortigem
Austritt,  wenn  ihrem  Wunsche  nicht  Rechnung  getragen  würde.

Folgender  Antrag,  der  in  namentlicher  Abstimmung  Annahme
fand,  lautete:  „Jede  Gruppe  bis  zu  1500  Mitgliedern  hat  eine
Stimme,  bis  zu  3000  Mitgliedern  zwei  Stimmen  und  über  3000  Mit.
gliedern  drei  Stimmen."
Dieser  Antrag  wurde  in  der  nächsten'Versammlung  mit  der
Motivierung,  derselbe  bedeute  einen  Verstoß  gegen  die  Zentralisation, ­
  von  neuem  zur  Debatte  gestellt  und  ein  anderer,  drn  großen
Verbänden  genehmerer  Antrag  angenommen,  welcher  lautete:  „Gewerkschaften ­
  bi«  zu  500  Mitgliedern  senden  1  Delegierten,  bis  zu
1000  Mitgliedern  senden  3  Delegierte  in  die  Kommission.  Größeren
Gewerlschaften  ist  es  gestattet,  sich  dem  vorstehenden  gemäß  ihrer
Stärke  nach  vertreten  zu  lassen,  jedoch  nicht  mit  mehr  denn  6  Delegierte ­
  pro  Gewerkschaft."
Dieser  Antrag  bedeutete  eine  Erdrosselung  der  kleineren
Gewerkschaften  und  war  darauf  berechnet,  sie  mundtot  zu  machen.
Dieses  undemokratische  Verhalten  von  Berliner  Arbcilervertretern
  veranlaßte  un«,  die  Berliner  Gewerkschafts-Kommission  zu
verlassen,  nachdem  man  dir  zum  letzten  Augenblick  gehofft,  daß  das
demokratische  Prinzip  gewahrt  bleiben  würde.
Nach  diesem  Vorgang  traten  die  Vertreter  von  35  Organisationen ­
  mit  10  356  Mitgliedern  zusammen  und  gründeten  das
„Gewerkschafts-Kartell  ftir  Berlin  und  Umgegend".
Hier  ist  der  sonnenklare  Beweis  erbracht,  daß  die  Leute  im  Kartell
gar  nicht  wissen,  waS  Demokratie  ist.  Der  kleine  Verein  der  Kleber
mit  seinen  25,  oder  der  der  Töpfer  mit  seinen  30  Mitglicderu,
sollte  daS  glrichgcwichtigr  Stimmrecht  in  der  Kommission  haben,  wie
der  40  000  Mitglieder  zählende  Metallarbeiter-Verband,  dann  würde
nach  Ansicht  der  Lokalisten  „daS  demokratische  Prinzip"  gewahrt  geblieben ­
  sein.  Nun  würde  man  aber  mit  Recht  einen  Mathematiker,
der  behaupten  wollte,  daß
25  —  40  000
sei,  in«  NarrenhauS  sperren.  Wenn  das  Prinzip  der  Gleichheit  gewahrt ­
  bleiben  sollte,  dann  müßten  die  Metallarbeiter  so  viel  Vertreter
in  der  Kommission  beanspruchen  können,  als  die  Zahl  35  in  der
Zahl  40  000  enthalten  ist.  Ein  A-B-C-Schütze  der  achten  Klasse
lann  daö  Exempel  richtig  ausrechnen,  die  lokalistischen  Führer  können
eS  anscheinend  nicht.
Weil  das  Prinzip  der  Gleichheit  und  der  Demokratie  in  der
Kommission  der  Verwirklichung,  um  eine  Sekundenbreite  näher  geführt,
weil  der  Minorität  die  Herrschaft  über  die  Majorität  um  tausendste!
Bruchteile  gemindert  wurde,  deshalb  ~  es  ist  Wahnsinn  und  doch
Wahrheit  —  sollte  dasselbe  Prinzip  in  ellatanter  Weise  verletzt  sein.  —
Arüeitrr,  die  Ihr  folgerichtig,  logisch  denken  könnt,
urteilet  selbst!
Die  Lolalisten  sind  nur  gegangen,  weil  sich  die  Zentraliiteu
deren  HerrschaftSgelüsttn  nicht  auf  Gnade  und  Ungnade  fügen  wollten.
Die  Sonderbündler  sind  es  also,  die  gewollt  den  Streit  heraufbeschworen
  haben.  Sie  sind  eS  einzig  und  allein  gewesen,  die  die
Steine  zum  Aufbau  der  Mauer  herüeigetragrn,  die  daS  Bollwerk  selbst
errichtet  haben,  daS  jetzt  die  beiden  Richtungen  scheidet.
Allüberall,  wenn  sich  Gelegenheit  bot  und  auch  wenn  sich  keine
bot,  wurden  die  Zentralverbände  und  deren  Einrichtungen  seitens  der
Lokalisten  bekämpf!,  beschmutzt,  verleumdet.  Mit  allen  Mitteln  wurde
daran  gearbeitet,  die  Verbände  zu.  sprengen,  ihnen  Mitglieder  abzutreiben, ­
  ihre  Taktik  in  den  Augen  der  Ocffentlichkcit  als  geineinschädlich ­
  hinzustellen.
Am  31.  Januar  1903  schrieb  die  „Einigkeit",  das  offizielle
Orgau  der  Sonderbündler:
            
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