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Die Arbeiter der Konfektionsschneiderei gehören in ihrer großen Mehr
heit dem weiblichen Geschlecht an, und wenn dies allein schon es ermöglichte,
die Löhne auf einen tiefen Stand zu halten, so ward diese Möglichkeit
noch dadurch verstärkt, daß sich an der Konfektionsschneiderei ein ganz er
heblicher Prozentsatz von Frauen und Mädchen beteiligten, für die sie bloß
Nebenerwerb, in vielen Fällen der Lohn nur „Nadelgeld" war. Die
Bezahlung der Heimarbeiter war fast durchgängig eine erbärmliche. Dank
ihrer Widerstandsunfähigkeit konnten die lohndrückenden Tendenzen des Unter
nehmertums und der Konkurrenzverhältnisse sich immer wieder mit erneuerter
Macht in der Konfektionsindustrie geltend machen und selbst in dieser auf
steigenden Industrie das Elend forterhalten oder wiederherstellen, welches die
amtliche Erhebung von 1887 ans Licht gezogen hatte. In der ersten Hälfte der
neunziger Jahre trugen jedoch noch zwei wichtige Faktoren ganz besonders
dazu bei, die Lage der Konfektionsschneider in Berlin und den andern
deutschen Zentren dieser Industrie zu verschlechtern: Erstens die Äberhand
nähme der Konfektion auf Lager oder „Stapel" gegenüber der Konfektion
auf durch Reisende eingeholte Bestellungen. Durch sie wurde die Produktion
auf noch kürzere Zeit im Jahr zusammengedrängt, noch mehr Saisonarbeit
als vorher. Der zweite Faktor war die Erschwerung der Konkurrenzbe
dingungen auf dem Weltmarkt dadurch, daß die Vereinigten Staaten und
Argentinien ihre Einfuhrzölle auf Konfektionswaren erhöhten und Englands
eigene Konfektionsindustrie unter dem Einfluß der Massen-Einwanderung
aus Rußland vertriebener jüdischer Arbeiter einen starken Aufschwung nahm.
Sollte dieser Konkurrenzdruck nicht zur weiteren Herabdrücknng der Lage der
deutschen Konfektionsarbeiter führen, so war eine kraftvolle Gegenaktion dieser
absolut geboten.
Sie blieb denn auch nicht aus. Nachdem viele Agitationen und
Diskussionen vorausgegangen waren, beschloß der dritte Verbandstag
deutscher Schneider und Schneiderinnen, der vom 22. bis 25. August 1894
in Erfurt tagte, eine planmäßige Agitation für die Verbesserung der Ver
hältnisse in der Konfektionsschneiderei ins Werk zu setzen, und vier und
einen halben Monat darauf, am 13. Januar 1895, tagte in Berlin eine
von der Berliner Agitationskommission für Schneider und Schneiderinnen
einberufene Konfektionsarbeiter-Konferenz, die von 14 Delegierten
aus den wichtigsten Zentren der Industrie beschickt war. Sie verständigte
sich über die Grundlinien eines gemeinsamen Vorgehens in ganz Deutsch
land für folgende Forderungen:
1. Anerkennung von festzusetzenden Lohntarisen.
2. Errichtung von Betriebswerkstätten. Der Endtermin wird auf den
l. Februar 1896 festgesetzt.
3. Einsetzung einer Kommission zur Austragung etwaiger Streitigkeiten,
welche zu gleichen Teilen aus Geschäftsinhabern oder deren Vertretern
und aus Schneidern bestehen soll.
4. Eine anständige, eines Menschen würdige Behandlung. Rohe Redens
arten oder gar Handgreiflichkeiten (wie sie vorgekommen) müssen unter
bleiben.
5. Schnelle Abfertigung bei Empfangnahme und Abliefern der Arbeiten.
Bei länger als einstündigem Warten wird pro Stunde 40 Pf. vergütet.
6. Mindestens wöchentliche Lohnzahlung am Schluß jeder Woche.
7. Anerkennung von Arbeitsnachweisen in Landen der Arbeiter.