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Versammlung der Berliner Gewerkschaften einstimmig sich mit dem Vorgehen
der Schneider und Schneiderinnen einverstanden erklärt und sich verpflichtet,
sie „mit allen ihr zu Gebote stehenden materiellen und moralischen Mitteln
zu unterstützen und ihnen zum Siege zu verhelfen". Dafür ward nun das
möglichste getan.
Aber es blieb nicht bei den Solidaritätsbezeugungen der Arbeiterschaft.
Der größte Teil der bürgerlichen Presse nahm für die Streikenden Partei
und widmete der Lage der Arbeiter in der Konfektionsindustrie eingehende
Artikel. Neben anderen Veröffentlichungen trug eine gerade damals heraus-
gekommene, sehr wirksam abgefaßte Schrift von Oda Olberg „Das Elend
in der Lausindustrie der Konfektion" viel dazu bei, dem Publikum das
Gewissen zu schärfen. Schriftsteller von Namen ließen der bürgerlichen
Presse einen Aufruf zugehen, in dem sie darauf hinwiesen, daß eine un
ausbleibliche Folge des von allen Parteien für gerechtfertigt anerkannten
Kampfes eine vorläufig noch größere Notlage der armen Konfektionsarbeiter
und Arbeiterinnen sein werde und es daher Pflicht sei, „der allgemeinen
Sympathie durch die Tat Ausdruck zu geben". Die Unterzeichner waren
Gustav Dahms, Robert Schweichel, Friedrich Spielhagen, Ernst
von Wildenbruch und Julius Wolfs, und ihr Wort blieb nicht un-
gehört. Es liefen damals ganz achtbare Beträge aus bürgerlichen Kreisen
für die Streikenden ein, wenn sie sich auch summiert nicht mit dem Ertrag
der Sammlungen messen konnten, in welchem die Arbeiterschaft Berlins
ihrem Solidaritätsempfinden tatkräftigen Ausdruck gab. Aber freilich, soviel
als nötig gewesen wäre, die Streikenden längere Zeit über Wasser zu
halten, kam doch nicht ein. Dazu war ihre Zahl zu groß.
Mit diesem Gedanken trösteten sich im ersten Moment die durch den
Amfang und die Wucht des Streiks sehr überraschten Unternehmer. Sie
hatten bis zuletzt geglaubt, daß nur eine kleine Minderheit der Arbeiter
wirklich die Arbeit einstellen würde, womit es ein leichtes gewesen wäre,
des Streiks Lerr zu werden. Nun war er in einer für unmöglich ge
haltenen Ausdehnung in einem Moment ausgebrochen, wo in der Tat die
Arbeiter am wenigsten entbehrt werden konnten. Da die Bewegung über
ganz Deutschland hin organisiert war, war es auch zweifelhaft, ob Streik
brecher in der benötigten Zahl heranzuziehen waren. Auch hatten an einigen
Orten, wie Breslau und Erfurt, die Mehrheit, an anderen, wie Hamburg,
immerhin ein Teil der Unternehmer durch Zugeständnisse an die Forderungen
der Arbeiter Wiederaufnahme der Arbeit erwirkt, und für die Stimmung irr
der offiziellen Welt war es bezeichnend, daß in Erfurt der dortige Regierungs
und Gewerberat dem Chef der großen Konfektionsfirma, M. Wahl, im
Namen des Regierungspräsidenten dafür gedankt hatte, daß die
Firma bereitwillig auf die Forderungen der Arbeiter eingegangen war.
Mehr noch. Im Reichstag hatten die Nationalliberalen eine Inter
pellation eingebracht, in der, unter Bezugnahme auf die Erhebungen von 1887
über die Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der Konfektionsindustrie und
mit der Bemerkung, daß „die Lage dieser Arbeiterinnen seit jener Zeit sich
noch ungünstiger gestaltet hat", die verbündeten Regierungen gefragt wurden,
„welche gesetzgeberischen Maßnahmen dieselben zum Schutz für Gesund
heit und Sittlichkeit und gegen Ausbeutung dieser 'Arbeiterinnen durch
das Trucksystem zu ergreifen beabsichtigten".