Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Versammlung der Berliner Gewerkschaften einstimmig sich mit dem Vorgehen 
der Schneider und Schneiderinnen einverstanden erklärt und sich verpflichtet, 
sie „mit allen ihr zu Gebote stehenden materiellen und moralischen Mitteln 
zu unterstützen und ihnen zum Siege zu verhelfen". Dafür ward nun das 
möglichste getan. 
Aber es blieb nicht bei den Solidaritätsbezeugungen der Arbeiterschaft. 
Der größte Teil der bürgerlichen Presse nahm für die Streikenden Partei 
und widmete der Lage der Arbeiter in der Konfektionsindustrie eingehende 
Artikel. Neben anderen Veröffentlichungen trug eine gerade damals heraus- 
gekommene, sehr wirksam abgefaßte Schrift von Oda Olberg „Das Elend 
in der Lausindustrie der Konfektion" viel dazu bei, dem Publikum das 
Gewissen zu schärfen. Schriftsteller von Namen ließen der bürgerlichen 
Presse einen Aufruf zugehen, in dem sie darauf hinwiesen, daß eine un 
ausbleibliche Folge des von allen Parteien für gerechtfertigt anerkannten 
Kampfes eine vorläufig noch größere Notlage der armen Konfektionsarbeiter 
und Arbeiterinnen sein werde und es daher Pflicht sei, „der allgemeinen 
Sympathie durch die Tat Ausdruck zu geben". Die Unterzeichner waren 
Gustav Dahms, Robert Schweichel, Friedrich Spielhagen, Ernst 
von Wildenbruch und Julius Wolfs, und ihr Wort blieb nicht un- 
gehört. Es liefen damals ganz achtbare Beträge aus bürgerlichen Kreisen 
für die Streikenden ein, wenn sie sich auch summiert nicht mit dem Ertrag 
der Sammlungen messen konnten, in welchem die Arbeiterschaft Berlins 
ihrem Solidaritätsempfinden tatkräftigen Ausdruck gab. Aber freilich, soviel 
als nötig gewesen wäre, die Streikenden längere Zeit über Wasser zu 
halten, kam doch nicht ein. Dazu war ihre Zahl zu groß. 
Mit diesem Gedanken trösteten sich im ersten Moment die durch den 
Amfang und die Wucht des Streiks sehr überraschten Unternehmer. Sie 
hatten bis zuletzt geglaubt, daß nur eine kleine Minderheit der Arbeiter 
wirklich die Arbeit einstellen würde, womit es ein leichtes gewesen wäre, 
des Streiks Lerr zu werden. Nun war er in einer für unmöglich ge 
haltenen Ausdehnung in einem Moment ausgebrochen, wo in der Tat die 
Arbeiter am wenigsten entbehrt werden konnten. Da die Bewegung über 
ganz Deutschland hin organisiert war, war es auch zweifelhaft, ob Streik 
brecher in der benötigten Zahl heranzuziehen waren. Auch hatten an einigen 
Orten, wie Breslau und Erfurt, die Mehrheit, an anderen, wie Hamburg, 
immerhin ein Teil der Unternehmer durch Zugeständnisse an die Forderungen 
der Arbeiter Wiederaufnahme der Arbeit erwirkt, und für die Stimmung irr 
der offiziellen Welt war es bezeichnend, daß in Erfurt der dortige Regierungs 
und Gewerberat dem Chef der großen Konfektionsfirma, M. Wahl, im 
Namen des Regierungspräsidenten dafür gedankt hatte, daß die 
Firma bereitwillig auf die Forderungen der Arbeiter eingegangen war. 
Mehr noch. Im Reichstag hatten die Nationalliberalen eine Inter 
pellation eingebracht, in der, unter Bezugnahme auf die Erhebungen von 1887 
über die Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der Konfektionsindustrie und 
mit der Bemerkung, daß „die Lage dieser Arbeiterinnen seit jener Zeit sich 
noch ungünstiger gestaltet hat", die verbündeten Regierungen gefragt wurden, 
„welche gesetzgeberischen Maßnahmen dieselben zum Schutz für Gesund 
heit und Sittlichkeit und gegen Ausbeutung dieser 'Arbeiterinnen durch 
das Trucksystem zu ergreifen beabsichtigten".
	        
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