Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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frage,  die  Brauereihilfsarbeiter  aber,  die  mit  der  allgemeinen  Arbeiterbewegung
weit  stärkere  Fühlung  hatten,  als  die  noch  stark  zünstlerisch  denkenden
Gesellen,  den  Brauereien  schon  dadurch  allerhand  Zugeständnisse  abringen
können,  daß  diese  sich  nicht  gern  mit  der  Arbeiterschaft  überwerfen  mochten,
deren  Bedeutung  für  den  Konsum  des  in  Berlin  gebrauten  Bieres  ihnen
ganz  besonders  beim  großen  Saalboykott  des  Jahres  1889  sehr  eingehend
zum  Bewußtsein  gebracht  worden  war.  Aus  diese  Tatsache  gestützt,  hatten  die
Brauereiarbeiter  seit  jenen  Jahren  wiederholt  bei  Streitigkeiten  mit  Brauereien
den  Boykott  ins  Spiel  gebracht  und  meistens  auch  mit  ihm  oder  vielmehr
schon  mit  der  bloßen  Drohung,  ihn  ins  Spiel  zu  bringen,  Erfolge  erzielt.
Die  Brauereien,  denen  das  immer  lästiger  wurde,  riefen  zur  Abwehr  neben
dem  schon  genannten  Verein  noch  einen  „Schutzverband  gegen  Boykottschäden" ­
  ins  Leben,  was  aber  auf  die  Arbeiter  vorderhand  noch  keinen
tieferen  Eindruck  machte.  Ein  felsenfester  Glaube  an  die  Allmacht  des
Boykotts  im  Braugewerbe  hatte  sich  der  Köpfe  bemächtigt  und  wurde  noch
durch  die  Kenntnis  des  Umstandes  gestärkt,  daß  die  scharfe  Konkurrenz,  die
sich  die  Brauereien  untereinander  machten,  zu  Gegenströmungen  gegen  die
großen  unter  ihnen  geführt  hatte,  so  daß  eine  ganze  Anzahl  von  mittleren  und
kleineren  Brauereien  dem  Verein  oder  „Ring",  wie  man  ihn  gern  nannte,
ferngeblieben  waren.  An  der  Spitze  dieser  Gegenbewegung  stand  die
Brauerei  „Münchener  Brauhaus",  deren  Direktor  Arendt  in  dem  zu
beschreibenden  Kampf  eine  größere  Rolle  spielen  sollte.
Den  Anstoß  zu  diesem  Kampf  gab  ein  Konflikt  wegen  der  Maifeier
des  Jahres  1894.  Etwa  300  Böttcher,  die  am  1.  Mai  feierten,  wurden
von  den  Ringbrauereien  auf  einige  Tage  ausgesperrt,  worauf  am  3.  Mai,
vormittags,  in  einer  großen  Böttcherversammlung  beschlossen  wurde,  in  den
Generalstreik  einzutreten  und  die  Wiederaufnahme  der  Arbeit  von  der  Verkürzung ­
  der  Arbeitszeit  auf  9  Stunden,  derFreigabe  des  l.Mai  alsFeiertag,  der
Verpflichtung  zur  ausschließlichen  Entnahme  von  Arbeitern  aus  dem  Arbeitsnachweis ­
  der  Gewerkschaft  und  der  Bewilligung  von  Lohnerhöhungen
abhängig  zu  machen,  die  flch  zwischen  10  und  15  Proz.  bewegten.  Eine
große,  aus  Sonntag,  den  6.  Mai  veranstaltete  Versammlung  der  Brauereihilfsarbeiter ­
  erklärte  sich  einstimmig  mit  dem  Vorgehen  der  Böttcher  einverstanden, ­
  machte  es  allen  Hilfsarbeitern  zur  Pflicht,  jede  Böttcherarbeit
zurückzuweisen,  und  verpflichtete  sich  ferner,  die  Böttcher  in  ihrem  Kampf
pekuniär  zu  unterstützen.  Auch  ward  beschlossen,  an  die  Brauereidirektionen
behufs  Bescheid  auf  im  April  gestellte  und  unbeantwortet  gebliebene  Lohnforderungen ­
  heranzutreten.
Wie  in  dieser  Versammlung  der  Referent  Winter  bekanntgab,  hatte
schon  am  gleichen  Tage  vormittags  eine  in  Rixdorf  vom  dortigen
Gewerkschaftskartell  einberufene  Volksversammlung  beschlossen,  wegen  der
Maßregelung  der  Böttcher  über  die  dem  Brauerring  zugehörende  Rixdorfer
  Vereinsbrauerei  den  Boykott  zu  verhängen.
•Unter  den  erfahrenen  Vertretern  der  Arbeiterbewegung  Berlins  sagte
man  sich  sofort,  als  der  Beschluß  bekannt  wurde,  daß  er  mindestens  eine
große  Voreiligkeit  war  und  für  die  Allgemeinheit  Folgen  nachziehen
könne,  über  welche  diejenigen,  die  ihn  gefaßt,  schwerlich  sich  Rechenschaft
abgelegt  hatten.  Die  Redaktion  des  „Vorwärts"  nahm  aus  diesem  Grunde
Anstand,  den  Bericht  über  die  Versammlung  in  derjenigen  Form  zu
            
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