326
veröffentlichen, in der er ihr zuerst zuging, sondern brachte erst am
10. Mai einen Bericht, der mit Bezug auf den Boykott jede direkte Auf
forderung vermied. Nein referierend heißt es am Schluß: „Den Partei
genossen wurde es zur Pflicht gemacht, diesen Beschluß umgehend ihren
befreundeten Gastwirten usw. zu übermitteln und in den weiteren Kreisen
bekanntzugeben." Aber keine Empfehlung, dem Beschluß Folge zu geben,
schließt sich daran.
Inzwischen hatten jedoch die Ringbrauereien am 8. Mai Rat
gehalten und einstimmig beschlossen, sich mit der Vereinsbrauerei Rixdorf
solidarisch zu erklären und für den Fall, daß bis zum 15. Mai der über
diese verhängte Boykott nicht zurückgenommen sei, ihre Betriebe einzu
schränken, bis zu 20 Proz. ihrer Arbeiter, und zwar in erster Reihe die
jenigen zu entlassen, die sich an den Bestrebungen beteiligt hätten, durch
Boykottierung Zugeständnisse zu erzwingen, und ferner den bisher unter
haltenen Arbeitsnachweis für Brauergesellen aufzuheben. Der Beschluß
wurde in der Presse und durch Aushang in den Werkstätten der Brauereien
bekanntgegeben und außerdem der Berliner Gewerkschaftskommission sowie
dem Rixdorfer Gewerkschaftskartell direkt zugestellt.
Das Rixdorfer Gewerkschaftskartell, das erst seit November 1893
bestand, beantwortete die Drohnote nach dem Grundsätze: „Auf einen
Schelmen anderthalbe." Der Beschluß vom 6. Mai werde nicht zurück
genommen werden, bis die Forderungen der Böttcher bewilligt und die
alten Arbeiter wieder eingestellt seien. Gegenüber der Drohung der
Brauereien aber habe das Kartell zu erklären, daß, wenn die Forderung
der Böttcher nicht bis zum 19. Mai bewilligt und dies dem Kartell mit
geteilt sei, weitere Beschlüsse gefaßt und unter Umständen bis zum 1. Mai 1895
ausgedehnt werden würden. Jedenfalls würden die Brauereien dann schon
durch Ausbleiben der Konsumenten gezwungen werden, ihren Betrieb ein
zuschränken. Das Bier aber werde man von den Brauereien beziehen,
welche die Forderungen bewilligt haben, und dort würden auch die ent
lassenen Arbeiter Beschäftigung finden.
Drastischer konnte der Glaube an die Allmacht des Boykotts nicht zum
Ausdruck gebracht werden, als in dieser Gegendrohung. Freilich, wenn
Rixdorf nur allein in Bewacht kam, dann verkündete sie angesichts der Zu
sammensetzung seiner Bevölkerung nichts Anmögliches. Aber schon der Am
stand, daß die Brauereien die Mitteilung auch an die Berliner Gewerkschasts-
kommission geschickt hatten, hätte den Verfassern sagen müssen, daß es sich
nicht um eine örtliche Angelegenheit Rixdorfs mehr handelte. Viel um
sichtiger verfuhr der geschäftsführende Ausschuß der Berliner Gewerkschasts-
kommission. Er antwortete den Brauereien erst, nachdem er sich über den
Inhalt der Antwort mit dem Parteivorstand und den leitenden Vertretern
der Partei in den sechs Wahlkreisen Berlins verständigt hatte. Denn
daß die Antwort je nachdem Krieg, und zwar ein Krieg hieß, der keine
Spielerei war, sondern die Tatkraft und Opferwilligkeit der gesamten
Arbeiterschaft Berlins in Anspruch nehmen würde, das stand für jeden, der
sich die großen pekuniären und sonstigen Machtmittel der vereinigten
Brauereien vor Augen hielt, von vornherein außer Zweifel.
Es kam also darauf an, die Antwort so zu fassen, daß sie, ohne den
Rixdorfern zu nahe zu treten, doch die Verantwortung für deren eigen-