Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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veröffentlichen, in der er ihr zuerst zuging, sondern brachte erst am 
10. Mai einen Bericht, der mit Bezug auf den Boykott jede direkte Auf 
forderung vermied. Nein referierend heißt es am Schluß: „Den Partei 
genossen wurde es zur Pflicht gemacht, diesen Beschluß umgehend ihren 
befreundeten Gastwirten usw. zu übermitteln und in den weiteren Kreisen 
bekanntzugeben." Aber keine Empfehlung, dem Beschluß Folge zu geben, 
schließt sich daran. 
Inzwischen hatten jedoch die Ringbrauereien am 8. Mai Rat 
gehalten und einstimmig beschlossen, sich mit der Vereinsbrauerei Rixdorf 
solidarisch zu erklären und für den Fall, daß bis zum 15. Mai der über 
diese verhängte Boykott nicht zurückgenommen sei, ihre Betriebe einzu 
schränken, bis zu 20 Proz. ihrer Arbeiter, und zwar in erster Reihe die 
jenigen zu entlassen, die sich an den Bestrebungen beteiligt hätten, durch 
Boykottierung Zugeständnisse zu erzwingen, und ferner den bisher unter 
haltenen Arbeitsnachweis für Brauergesellen aufzuheben. Der Beschluß 
wurde in der Presse und durch Aushang in den Werkstätten der Brauereien 
bekanntgegeben und außerdem der Berliner Gewerkschaftskommission sowie 
dem Rixdorfer Gewerkschaftskartell direkt zugestellt. 
Das Rixdorfer Gewerkschaftskartell, das erst seit November 1893 
bestand, beantwortete die Drohnote nach dem Grundsätze: „Auf einen 
Schelmen anderthalbe." Der Beschluß vom 6. Mai werde nicht zurück 
genommen werden, bis die Forderungen der Böttcher bewilligt und die 
alten Arbeiter wieder eingestellt seien. Gegenüber der Drohung der 
Brauereien aber habe das Kartell zu erklären, daß, wenn die Forderung 
der Böttcher nicht bis zum 19. Mai bewilligt und dies dem Kartell mit 
geteilt sei, weitere Beschlüsse gefaßt und unter Umständen bis zum 1. Mai 1895 
ausgedehnt werden würden. Jedenfalls würden die Brauereien dann schon 
durch Ausbleiben der Konsumenten gezwungen werden, ihren Betrieb ein 
zuschränken. Das Bier aber werde man von den Brauereien beziehen, 
welche die Forderungen bewilligt haben, und dort würden auch die ent 
lassenen Arbeiter Beschäftigung finden. 
Drastischer konnte der Glaube an die Allmacht des Boykotts nicht zum 
Ausdruck gebracht werden, als in dieser Gegendrohung. Freilich, wenn 
Rixdorf nur allein in Bewacht kam, dann verkündete sie angesichts der Zu 
sammensetzung seiner Bevölkerung nichts Anmögliches. Aber schon der Am 
stand, daß die Brauereien die Mitteilung auch an die Berliner Gewerkschasts- 
kommission geschickt hatten, hätte den Verfassern sagen müssen, daß es sich 
nicht um eine örtliche Angelegenheit Rixdorfs mehr handelte. Viel um 
sichtiger verfuhr der geschäftsführende Ausschuß der Berliner Gewerkschasts- 
kommission. Er antwortete den Brauereien erst, nachdem er sich über den 
Inhalt der Antwort mit dem Parteivorstand und den leitenden Vertretern 
der Partei in den sechs Wahlkreisen Berlins verständigt hatte. Denn 
daß die Antwort je nachdem Krieg, und zwar ein Krieg hieß, der keine 
Spielerei war, sondern die Tatkraft und Opferwilligkeit der gesamten 
Arbeiterschaft Berlins in Anspruch nehmen würde, das stand für jeden, der 
sich die großen pekuniären und sonstigen Machtmittel der vereinigten 
Brauereien vor Augen hielt, von vornherein außer Zweifel. 
Es kam also darauf an, die Antwort so zu fassen, daß sie, ohne den 
Rixdorfern zu nahe zu treten, doch die Verantwortung für deren eigen-
	        
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