Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

332

schuldigen  Arbeitern  als  eine  unerhörte  Provokation  der  Berliner  Arbeiterschaft ­
  bezeichnet,  mit  der  der  Bierring  andere  Zwecke  verfolge,  als  er  vorgebe. ­
  Der  Ring  habe  die  Stirn,  sich  auf  Notwehr  zu  berufen.  Aber
„war  es  Notwehr,  daß  gerade  die  ältesten  Arbeiter  entlassen  wurden,  die
zehn  und  mehr  Jahre  in  einem  Brauereibetriebe  gegen  elenden  Lohn  ihre
Gesundheit  geopfert  haben,  um  die  in  der  deutschen  Industrie  einzig  dastehenden ­
  Dividenden  der  Roesicke  und  Konsorten  zu  verdienen?"  Bloß
aus  Übermut,  bloß  aus  Laß  gegen  die  Organisationen  seien  400  bis
500  Arbeiter  außer  Arbeit  und  Verdienst  gesetzt.  „Keiner  von  ihnen  hat
am  1.  Mai  gefeiert,  keiner  durch  irgendeine  Forderung  Anlaß  zur  Entlassung ­
  gegeben.  Nur  kapitalistischer  Übermut  und  frivole  Brutalität
der  Brauereiprotzen  verlangte  diese  Opferung!  Gegen  500  Brauereiarbeiter
und  300  Böttcher,  800  fleißige  Männer,  darunter  sehr  viele  Familienväter,
liegen  auf  der  Straße."  Wie  haben  wir,  wird  gefragt,  diese  unerhörte
Provokation  zu  beantworten?  And  die  Antwort  lautet:  „Ünzweifelhaft  mit
der  Waffe,  die  die  Brauercibesitzer  am  schwersten  trifft,  mit  dem  Boykott."
Es  könne  bloß  die  Frage  sein,  wird  weiter  ausgeführt,  ob  der  Boykott
ein  allgemeiner  sein  solle  oder  ob  es  besser  sei,  ihn  auf  eine  bestimmte
Anzahl  Brauereien  zu  beschränken.  And  da  ein  allgemeiner  Boykott  die
Brauereien  wohl  schädigen,  aber  bei  dem  in  den  heißen  Monaten  steigenden
Bierbedarf  nicht  zum  Nachgeben  zwingen  werde,  empfehle  es  sich,  von  ihm
abzusehen  und  die  ganze  Wucht  des  Angriffs  auf  eine  Anzahl  Brauereien
zu  richten.  Boykottiertes  Bier  werde  um  so  leichter  entbehrt  werden,  wenn
anderes  zur  Verfügung  stehe.  „Ein  allgemeiner  Boykott  würde  den  Bierring ­
  stärken,  ein  partieller  sprengt  ihn."
Es  werden  nun  folgende  Brauereien  aufgezählt,  von  deren  Bier
fortan  kein  Tropfen  getrunken  werden  solle:  Schultheiß'  Brauerei,  Brauerei
F.  Lappoldt,  Böhmisches  Brauhaus,  Adlerbrauerei  (K.  Gregory),  Vereinsbrauerei ­
  Rixdorf,  Schönebcrger  Schloßbrauerei  und  die  Spandauer  Bergbrauerei. ­
  Überall,  in  Laus  und  Werkstatt,  im  geselligen  Verkehr  und  auf
Ausflügen  sollten  die  Arbeiter  für  die  strenge  Durchführung  des  Boykotts
sorgen.  Nur  so  würden  sie  die  Solidarität  mit  den  durch  den  Anternehmerhochmut
  brotlos  gewordenen  Arbeitern  bekräftigen,  ihrer  Ehrenpflicht  gegen
die  Partei  nachkommen.  Die  Welt  müsse  wissen,  „daß  die  Einigkeit  der
Arbeiter  stärker  ist,  als  der  festeste  Ring  hochmütiger  Kapitalisten.  Loch
die  Solidarität  der  Arbeiter!  Nieder  mit  dem  Bierring!"
So  schließt  der  Aufruf.  Er  macht  dann  bekannt,  daß  mit  der  Durchführung ­
  des  Boykotts  bis  auf  weiteres  I.  Auer,  R.  Millarg,
L.  Mattutat,  L.  Gumpel  und  Paul  Lilpert  beauftragt  seien,  und
daß  am  folgenden  Abend,  Freitag,  den  18.  Mai,  neun  öffentliche  Versammlungen ­
  zur  Besprechung  dieser  Angelegenheit  in  den  verschiedenen
Stadtteilen  Berlins  stattsinden  würden.  57  der  bekanntesteit  Vertreter  der
Partei  und  der  Gewerkschaftsbewegung  Berlins  stehen  als  Anterzeichner
unter  ihm.  Lier  die  Namen:
I.  Auer.  R.  Augustin.  I.  Bamberger.  A.  Bebel.  K.  Berger.
N.  Beyer.  W.  Börner.  L.  Bolze.  G.  Bosse.  L.  Dornbusch.  Karl
Dost.  L.  Faber.  Nich.  Fischer.  B.  Franke.  St.  Fritz.  I.  Gandorfer.
W.  Gesche.  C.  Gruschke.  L.  Gumpel.  R.  Lalfter.  K.  Lergt.
K.  Lelbig.  P.  Lilpert.  F.  Loch.  E.  Jost.  F.  Kitzing.  L.  Knüpfer.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.