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In dem Bewußtsein, unsererseits nichts getan zu haben, einen über
flüssigen und in seinen Folgen unabsehbaren Streit heraufzubeschwören,
zeichnet achtungsvoll
Der geschästsführende Ausschuß der Berliner Gewerkschaftskommission.
I. V.: Lermann Faber, L., Rosenstr. 28 v. I."
In einer kurzen Zusahnotiz gab die Redaktion des „Vorwärts" noch
bekannt, daß die Antwort im Einverständnisse mit „einer Anzahl einfluß
reicher und an leitender Stelle sich befindender Genossen der sechs Berliner
Wahlkreise" erfolgt sei und sagt weiter:
„Wir wissen auch, daß die Mehrzahl der organisierten Genossen
Berlins keineswegs die Neigung hat, bei eventuellen Differenzen zwischen
den Anternehmern und den Arbeitern im Brauereigewerbe stets mit
dem Mittel des Boykotts zugunsten der Arbeiter einzugreifen. Wenn
aber die Äerren Brauereibesitzer, wie es fast den Anschein hat, ein
solches Eingreifen erzwingen wollen, dann teilen wir allerdings auch
die Meinung der Gewerkschaftskommission, daß in diesem Falle „die
Arbeiterschaft Berlins ihre oft bewährte Solidarität aufs Neue und
zwar in glänzender Weise betätigen würde".
Das war für die Brauereiherren zugleich eine Warnung und eine
Brücke zur Amkehr. So deutlich wie nur möglich war ihnen zu verstehen
gegeben, daß sie den Frieden haben konnten, wenn sie ihn haben wollten,
und deutlich war ihnen auch der Weg angezeigt, der zum Frieden führte.
Da die Vereinsbrauerei ihren Lauptabsatz nicht in Rixdorf, sondern in
Berlin hatte, war selbst der in Rixdorf über sie verhängte Boykott nicht
durchzuführen, sobald die Berliner Gewerkschaftskommission, vor die die
Frage seiner Ausdehnung auf Berlin gebracht werden mußte, ihn nicht zu
dem ihrigen machte.
Aber die Brauereien wollten den Krieg. Sie wollten den Arbeitern,
die ihnen zu üppig geworden waren, einmal den Lerrn zeigen. Die Vor
kommnisse, mit deren Vorführung ihre literarischen Parteigänger später in
der Presse und in Abhandlungen ihr Verhalten zu rechtfertigen suchten,
ändern an dieser Tatsache nichts. Denn selbst angenommen, daß alles,
was unter anderem in der auf Veranlassung des Brauerrings abgefaßten
Schrift von Emil Struve: „Der Berliner Bierboykott von 1894" in
bezug auf ungehöriges Verhalten der Arbeiter und einiger Vertreter der
Organisationen erzählt wird, den Tatsachen entspricht, so liefern die da
maligen Geschäftsberichte der Brauereien doch den Beweis, daß deren
Betrieb unter jenen Dingen unmöglich nennenswert gelitten haben konnte.
Es war die profitable Weiterführung keiner Brauerei durch sie bedroht,
keiner einzigen saß das Messer an der Kehle. Sie konnten, was wirkliche
Angehörigkeiten waren, durch verständiges Verhandeln mit den Arbeitern
aus der Welt schaffen.
Statt aber die noch ausstehenden sechs Tage zu solcher Verständigung
mit den ihnen wohlbekannten Vertrauensmännern der Arbeiterschaft Berlins
auszunutzen, erwirkten die Brauereidircktoren sich von ihren Aufsichtsrätcn
im voraus Genehmigung der etwa nötig werdenden Kampfmaßregeln. Dann
hielten sie am 15. Mai noch einmal Rat, fixierten die Zahl der zu entlassenden
Arbeiter auf mindestens zehn pro Betrieb, und am 16. Mai erhielten über
400 Brauereiarbeiter mit der Erklärung ihre Entlassung, daß sie nicht eher