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Daher sei es ein großer
Fehler der Ausgesperrten ge
wesen, erklärt er nun öffentlich,
den zu den Anterhandlungen
vom Septeniber entsandten
Arbeitervertretern Forderungen
auf den Weg zu geben, von
denen man im voraus wußte,
daß die Brauherren sie unter
keinen Amständen bewilligen
würden. Lediglich das Auf
treten der Gegner mit der
„schwarzen Liste" der 33 hätte
die Arbeitervcrtretcr aus einer
sehr peinlichen Situation ge
rettet und es so möglich ge
macht, daß schließlich die Ar
beiterschaft doch Siegerin blieb.
Aber nicht jedesmal verlaufe
die Sache so günstig. Meist
unterlägen die Arbeiter, wenn
sie „den rechten Zeitpunkt für
den Friedensschluß versäumen".
Das sollten die Arbeiter aus
dem Verlauf des Berliner Bier
boykotts lernen, dann werde auch
aus „ihren Fehlern der großen Kulturbewegung, deren Träger die Arbeiter
sind, Peil erwachsen". War aber die Arbeiterschaft wirklich die Siegerin?
Offenbar war sie es nicht in dem Sinne, daß sie dem Gegner das Knie
auf die Brust setzen konnte. Aber der Kampf hatte gezeigt, daß die sozialistische
Arbeiterschaft eine Macht war, mit der sich nicht spaßen ließ. In ihrer über
großen Mehrheit hatte sie eine Willensprobe ersten Ranges in großartiger
Weise abgelegt. Was die Bilanzen der Brauereien nicht verrieten, das ver
rieten oder vielmehr erzählten laut die Klagen der Gastwirte und namentlich
der Saalbesitzer, welch letztere beim Friedensschluß ziemlich unsanft als
nebensächliches Element behandelt wurden. Der Bierboykott ist kein Kampf
von zwei streng abgegrenzten Mächten gegeneinander. Die Verzweigung des
Schankgewerbes stellt eine Masse von Existenzen aller Art zwischen die
Streikenden, durch die er unendlich kompliziert und seine Durchführung mit
ungewöhnlichen Lärten verbunden wird. Das sozialistische Berlin hatte sie
willig auf sich genommen und, von etlichen Amgefallenen abgesehen, die nicht
zählten, mit eiserner Beharrlichkeit an ihm festgehalten, bis die Parole kam:
„Der Kampf ist zu Ende." An den Aushängen in den Fenstern Tausender
von Wirtschaften und keineswegs bloß von Proletarier-Wirtschaften: „Nur
boykottfreies Bier" hatte man es erkennen können, welche Macht die
Sozialdemokratie in Berlin geworden war. Es fehlten nicht die bürgerlicheil
Elemente, die sich im Kampf auf ihre Seite stellten, uild namentlich jüngere
Akademiker und andere junge Leute aus bürgerlichen Kreisen »lachten in
ziemlicher Anzahl gemeinsame Sache mit der Arbeiterschaft. Aber in der
Bernstein, Berliner Geschichte. III. 23
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Berlin, im Mai 1890.
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Verlag: Wilh. Werner, Berlin.
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169. Titelseite des ersten Arbeiter-Verkehrs-
Almanach