399
im wuchtigen Vortrag von
anfeuernden Freiheitsgesängen
wie in der Wiedergabe
von Kompositionen,
die den weicheren Regungen
der Menschenseele Ausdruck
geben und größeren
Wechsel in der Abtönung
beanspruchen, wahrhaftVorzügliches
darbieten. Der
Arbeiter-Sängerbund Berlins
hat stets dahin gewirkt,
durch die Kunst die Tendenz
zu heben, statt durch die Tendenz
die Ansprüche der Kunst
zu ersetzen, und dieses Bestreben
ebenso wie seinekünstlerischenLeistungen
sind denn
auch in der Fachkritik gebührend
anerkannt worden.
Seine Aufführungen genießen
einen sehr guten Ruf,
die im Bund vertretenen
Vereine haben viel dazu
beigetragen, das künstlerische
Llrkeil unter ihren Mitgliedern
und in der Arbeiterschaft
zu fördern, und ihnen
gebührt das Verdienst, die
Feste der Berliner Arbeiterschaft
verschönt, den in Berlin
tagenden Arbeiterkongressen
bei der Eröffnung
durch den weihevollen Vortrag
von passenden Gesängen die Stimmung erhöht und den Trauergefühlen,
mit denen Berlins Arbeiterschaft ihre verdienten Kämpfer zu
Grabe geleitete, jenen ergreifenden Ausdruck gegeben zu haben, der allein
der mit Äingebung gepflegten Gesangskunst möglich ist. Mehr als 5000
geschulte Sänger — auch darin prägt sich die Stärke der Arbeiterbewegung
Berlins aus.
Die Heimannsche Bibliothek und Lesehalle. — Zwar nicht von der
sozialdemokratischen Arbeiterschaft selbst, aber von einem ihrer Mitkämpfer,
Lugo Leimann, ins Leben gerufen, organisiert und unterhalten, nimmt die
öffentliche Bibliothek und Lesehalle Berlin unter den Schöpfungen
der Sozialdemokratie Berlins für Bildung einen hohen Rang ein. Sie trägt
in ihrer Einrichtung und Führung keinen Parteicharakter, sondern steht der
Berliner Bevölkerung ohne Unterschied von Partei und Klasse zur
unentgeltlichen Benutzung frei, und berücksichtigt in der Auslegung von
Zeitungen und Zeitschriften alle Parteien, wenngleich selbstverständlich der
^um piMarmome-Foykott.
In der am 28. Februar d. I. abgehaltenen außerordentlichen
Generalversammlung gelangte nach mehrstündiger Debatte mit großer
Mehrheit der folgende Beschluß zur Annahme:
„Tie h-rungc außerordentliche Generalversammlung der Neuen
freien Volksbühne erklärt .ans Grund des ihr bekannt gegebenen Tat.
lachenmaterialö den seit 16 Jahren bestehende» Boykott der Philharmonie
für sachlich unbegründet und.im Jntcresse der Kunst,
bcflrebuiigcn der Arbeilerschasl für schädlich. Sie brdaucri die
wiederholt aus Grund irriger Voraussetzungen und ohne
genügende Prüfung erfolgte Ablehnung dcü Antrags aus. Aushebung
dieses Boykotts und erklärt sich mit dein bisherigen Verhalten
von Vorstand und Verwaltung in dieser Angelegenheit eint'er-Ferner
wurde gemäß einem Antrage Dr. Bruno WilleS beschlossen,
das den Abend einleitende Referat des ersten Vorsitzenden Dr. Eilltnger
als Flugblatt drucken zu lassen und an sämtliche Berliner Arbeilerorganisakionen
zu verteilen, damit die Haltung der Neuen freien Volksbühne
verstanden werde. Demgemäß bringen wir im folgenden die
Ausführungen des Referenten in ihren wesentlichen Teilen wvllgclreu
zum Abdruck:
Zu den Sälen, die für die organisierte Arbeucrjchast Berlins geiverrl
sind, gehört seit hem Jahre 1890 auch die Philharmonie in der Brrnburgersträße.
Ter Boykott wurde damals verhängt, weil die Direktion der Philharmonie Den
Saal nicht zu polilijchen Versammlungen hergab. Ta jedoch angesehene Führer
der Arbeilerschasl, wie z. B- der verstorbene Abgeordnete Licdtnechl. ihrerseits
de» Boykott nicht beachteten, sondern ruhig auch weiterhin die in der Philharmonie
stattfindenden Konzerte besuchten, jo cntichlaß man sich nachträglich, die Philharmonie
für de» Besuch des Einzelnen frei zu geben, ftir Vereine
aber nach wie vor den Boykott ausrecht zu erhalten.
So stände» die Dinge sünjzehn Jahre lang, bis Ansang lUttst. Ui» diese
Zeit hatte sich unser künstlerischer Ausschuß mit den Vorbereitungen zu einer
Frier von Schillers !00. TodeStag z» beichäfligcn und gelangte zu der einhelligen
Ansicht, daß wir. um die Feier ihres großen Gegenstandes wiirdig und
i» ivahrhnst künstlerischem Stile z» gestalten, durchaus den einzigen genügend
große» Ko uzerl,'aal gebrauchten, den Berlin bis zur stunde bei itzt« numlrch
eben die Philharmonie. Ja, loge ausdrücklich Konzert saal: denn das gerade
unterscheidet die Philharmonie von sämtliche» anderen großen Säle», die ,ich ii»
Besitze der großen Brauereien usw. bejinde», daß sie seil 25 Jahren ansjchließlich ein
K u » st i » st i l u i ist und weder ein Massenlokal für Bicrvcrlilguiig, noch ein
Lokal snr Verjammlungszwecke. Während des ganzen Jahre- dienen die
liehen Säle der Philharmonie, der große Saal, der Obcrlichtiaal, der Beelhoveninol
fast ausschließlich rein künstlerijchen Vcranstaltnngc», nur wahrend der
Üarucvalszci» fiiiboi -dort auch eine tlieihe größerer Balljestlichkeitcn iratt. ES
war also von vornherein eine durchaus jchieje u»d jchabloiienhajle Auslassung,
wenn man die Philharmonie j. Zl. mit den großen VersamMungslokalcn und
Braucreisälcri in eine Kategorie stellte und demgemäß die Sperre über sie
verhängte.
'Ans diesen Standpunkt, nämlich, daß der Boykott der Philharmonie unbegründet»
überflüssig und für -Vereine, wie den unserigen, lediglich ein Hindernis
bei der Veranslaliinig größerer künstlerischer Feiern sei, — ans diesen Standpunkt
stellte sich untere Verwaltung,' als sie vor Jahresfrist bei der Lokallomulission
die endliche Aushebung des Boykotts in aller Form beantragte«
Welches das Schicksal unsere- Antrages war, ist Ihnen bekannt. Er
wurde abgelehnt mit der Begründung, daß nach Aushebung dieses Boykotts
„die andere» Saalbcsitzer ihre Unterschriften zurückziehen könnten und die Be-187.
Aufhebungsmitteilung des Boykotts
über die Philharmonie