Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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im  wuchtigen  Vortrag  von
anfeuernden  Freiheitsgesängen ­
  wie  in  der  Wiedergabe ­
  von  Kompositionen,
die  den  weicheren  Regungen
der  Menschenseele  Ausdruck ­
  geben  und  größeren
Wechsel  in  der  Abtönung
beanspruchen,  wahrhaftVorzügliches
  darbieten.  Der
Arbeiter-Sängerbund  Berlins ­
  hat  stets  dahin  gewirkt,
durch  die  Kunst  die  Tendenz
zu  heben,  statt  durch  die  Tendenz ­
  die  Ansprüche  der  Kunst
zu  ersetzen,  und  dieses  Bestreben ­
  ebenso  wie  seinekünstlerischenLeistungen
  sind  denn
auch  in  der  Fachkritik  gebührend ­
  anerkannt  worden.
Seine  Aufführungen  genießen ­
  einen  sehr  guten  Ruf,
die  im  Bund  vertretenen
Vereine  haben  viel  dazu
beigetragen,  das  künstlerische
Llrkeil  unter  ihren  Mitgliedern ­
  und  in  der  Arbeiterschaft ­
  zu  fördern,  und  ihnen
gebührt  das  Verdienst,  die
Feste  der  Berliner  Arbeiterschaft ­
  verschönt,  den  in  Berlin ­
  tagenden  Arbeiterkongressen ­
  bei  der  Eröffnung
durch  den  weihevollen  Vortrag ­
  von  passenden  Gesängen  die  Stimmung  erhöht  und  den  Trauergefühlen,
  mit  denen  Berlins  Arbeiterschaft  ihre  verdienten  Kämpfer  zu
Grabe  geleitete,  jenen  ergreifenden  Ausdruck  gegeben  zu  haben,  der  allein
der  mit  Äingebung  gepflegten  Gesangskunst  möglich  ist.  Mehr  als  5000
geschulte  Sänger  —  auch  darin  prägt  sich  die  Stärke  der  Arbeiterbewegung
Berlins  aus.
Die  Heimannsche  Bibliothek  und  Lesehalle.  —  Zwar  nicht  von  der
sozialdemokratischen  Arbeiterschaft  selbst,  aber  von  einem  ihrer  Mitkämpfer,
Lugo  Leimann,  ins  Leben  gerufen,  organisiert  und  unterhalten,  nimmt  die
öffentliche  Bibliothek  und  Lesehalle  Berlin  unter  den  Schöpfungen
der  Sozialdemokratie  Berlins  für  Bildung  einen  hohen  Rang  ein.  Sie  trägt
in  ihrer  Einrichtung  und  Führung  keinen  Parteicharakter,  sondern  steht  der
Berliner  Bevölkerung  ohne  Unterschied  von  Partei  und  Klasse  zur
unentgeltlichen  Benutzung  frei,  und  berücksichtigt  in  der  Auslegung  von
Zeitungen  und  Zeitschriften  alle  Parteien,  wenngleich  selbstverständlich  der

^um  piMarmome-Foykott.
In  der  am  28.  Februar  d.  I.  abgehaltenen  außerordentlichen
Generalversammlung  gelangte  nach  mehrstündiger  Debatte  mit  großer
Mehrheit  der  folgende  Beschluß  zur  Annahme:
„Tie  h-rungc  außerordentliche  Generalversammlung  der  Neuen
freien  Volksbühne  erklärt  .ans  Grund  des  ihr  bekannt  gegebenen  Tat.
lachenmaterialö  den  seit  16  Jahren  bestehende»  Boykott  der  Philharmonie ­
  für  sachlich  unbegründet  und.im  Jntcresse  der  Kunst,
bcflrebuiigcn  der  Arbeilerschasl  für  schädlich.  Sie  brdaucri  die
wiederholt  aus  Grund  irriger  Voraussetzungen  und  ohne
genügende  Prüfung  erfolgte  Ablehnung  dcü  Antrags  aus.  Aushebung ­
  dieses  Boykotts  und  erklärt  sich  mit  dein  bisherigen  Verhalten
von  Vorstand  und  Verwaltung  in  dieser  Angelegenheit  eint'er-Ferner
  wurde  gemäß  einem  Antrage  Dr.  Bruno  WilleS  beschlossen,
das  den  Abend  einleitende  Referat  des  ersten  Vorsitzenden  Dr.  Eilltnger
als  Flugblatt  drucken  zu  lassen  und  an  sämtliche  Berliner  Arbeilerorganisakionen
  zu  verteilen,  damit  die  Haltung  der  Neuen  freien  Volksbühne ­
  verstanden  werde.  Demgemäß  bringen  wir  im  folgenden  die
Ausführungen  des  Referenten  in  ihren  wesentlichen  Teilen  wvllgclreu
zum  Abdruck:
Zu  den  Sälen,  die  für  die  organisierte  Arbeucrjchast  Berlins  geiverrl
sind,  gehört  seit  hem  Jahre  1890  auch  die  Philharmonie  in  der  Brrnburgersträße.
Ter  Boykott  wurde  damals  verhängt,  weil  die  Direktion  der  Philharmonie  Den
Saal  nicht  zu  polilijchen  Versammlungen  hergab.  Ta  jedoch  angesehene  Führer
der  Arbeilerschasl,  wie  z.  B-  der  verstorbene  Abgeordnete  Licdtnechl.  ihrerseits
de»  Boykott  nicht  beachteten,  sondern  ruhig  auch  weiterhin  die  in  der  Philharmonie
stattfindenden  Konzerte  besuchten,  jo  cntichlaß  man  sich  nachträglich,  die  Philharmonie ­
  für  de»  Besuch  des  Einzelnen  frei  zu  geben,  ftir  Vereine
aber  nach  wie  vor  den  Boykott  ausrecht  zu  erhalten.
So  stände»  die  Dinge  sünjzehn  Jahre  lang,  bis  Ansang  lUttst.  Ui»  diese
Zeit  hatte  sich  unser  künstlerischer  Ausschuß  mit  den  Vorbereitungen  zu  einer
Frier  von  Schillers  !00.  TodeStag  z»  beichäfligcn  und  gelangte  zu  der  einhelligen ­
  Ansicht,  daß  wir.  um  die  Feier  ihres  großen  Gegenstandes  wiirdig  und
i»  ivahrhnst  künstlerischem  Stile  z»  gestalten,  durchaus  den  einzigen  genügend
große»  Ko  uzerl,'aal  gebrauchten,  den  Berlin  bis  zur  stunde  bei  itzt«  numlrch
eben  die  Philharmonie.  Ja,  loge  ausdrücklich  Konzert  saal:  denn  das  gerade
unterscheidet  die  Philharmonie  von  sämtliche»  anderen  großen  Säle»,  die  ,ich  ii»
Besitze  der  großen  Brauereien  usw.  bejinde»,  daß  sie  seil  25  Jahren  ansjchließlich  ein
K  u  »  st  i  »  st  i  l  u  i  ist  und  weder  ein  Massenlokal  für  Bicrvcrlilguiig,  noch  ein
Lokal  snr  Verjammlungszwecke.  Während  des  ganzen  Jahre-  dienen  die
liehen  Säle  der  Philharmonie,  der  große  Saal,  der  Obcrlichtiaal,  der  Beelhoveninol
  fast  ausschließlich  rein  künstlerijchen  Vcranstaltnngc»,  nur  wahrend  der
Üarucvalszci»  fiiiboi  -dort  auch  eine  tlieihe  größerer  Balljestlichkeitcn  iratt.  ES
war  also  von  vornherein  eine  durchaus  jchieje  u»d  jchabloiienhajle  Auslassung,
wenn  man  die  Philharmonie  j.  Zl.  mit  den  großen  VersamMungslokalcn  und
Braucreisälcri  in  eine  Kategorie  stellte  und  demgemäß  die  Sperre  über  sie
verhängte.
'Ans  diesen  Standpunkt,  nämlich,  daß  der  Boykott  der  Philharmonie  unbegründet» ­
  überflüssig  und  für  -Vereine,  wie  den  unserigen,  lediglich  ein  Hindernis
bei  der  Veranslaliinig  größerer  künstlerischer  Feiern  sei,  —  ans  diesen  Standpunkt ­
  stellte  sich  untere  Verwaltung,'  als  sie  vor  Jahresfrist  bei  der  Lokallomulission
  die  endliche  Aushebung  des  Boykotts  in  aller  Form  beantragte«
Welches  das  Schicksal  unsere-  Antrages  war,  ist  Ihnen  bekannt.  Er
wurde  abgelehnt  mit  der  Begründung,  daß  nach  Aushebung  dieses  Boykotts
„die  andere»  Saalbcsitzer  ihre  Unterschriften  zurückziehen  könnten  und  die  Be-187.

  Aufhebungsmitteilung  des  Boykotts
über  die  Philharmonie
            
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