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Das muß man berücksichtigen, um ihre Leistungen in bezug auf theatralische
Darbietungen richtig zu würdigen. Aber mit ihnen erschöpft sich
das Wirken der „Freien Volksbühne" nicht. Neben den Theatervorstellungen
veranstaltet sie Kunstabende, die der Vorführung von Dichtwerken anderer
Gattung, Vorträgen literargeschichtlichen Charakters, musikalischen Aufführungen
besserer Gattung dienen. Auf den verschiedensten Gebieten der
Kunst erschließt sie immer weiteren Kreisen der Arbeiterschaft das Verständnis
und den Genuß der besten Schöpfungen. Dabei vermeidet sie geflissentlich
den Abweg ins pedantisch Lehrhafte. Sie ist Schule durch das Beispiel
und nicht durch die Predigt. Sie ist geschaffen, bessere Erholung, besseren
Genuß zu bieten, als er dem Volk von der Spekulation und den offiziellen
Erholungsanstalten dargeboten wird. Sie ist freie Volksbühne auch in
dem Sinne, daß sie die Freiheit der Kunst nicht außer Augen, auch dem
Lumor, der fröhlichen Laune ihr Recht läßt. So ist sie ihren Mitgliedern
ans Herz gewachsen und sieht deren Kreis sich unausgesetzt verstärken. Mit
diesem Programm hat sie vorbildlich für andere Orte gewirkt und andere
Parteien und Körperschaften, die mit ähnlichen Schöpfungen vorgingen,
genötigt, ihrem Beispiel Rechnung zu tragen. Sie hat vor allem den Beweis
geliefert, daß auch das Theater demokratisch aufgebaut werden kann,
ohne an Kunstwert zu verlieren — nein, um gerade dadurch an Kunstwert
zu gewinnen. Denn die „Freie Volksbühne" steht nach dem Arteil aller
Sachkenner in bezug auf den Kunstwert ihrer Aufführungen und Veranstaltungen
hoch über dem Durchschnitt aller von Staat, Gemeinden oder
bürgerlichen Vereinigungen patronisierten „Volkstheater".
3. Andere Schöpfungen.
Der Arbeiter-Sängerbund. Für die Pflege der Kunst des Gesanges
besteht in Berlin der „Arbeiter-Sängerbund Berlins und
Amgegend", dessen Gründung am Vorabend des Ablaufs des Sozialistengesetzes,
am 14. September 1890, beschlossen wurde. Einen Monat später
ward der Bund, dem sofort 49 Vereine mit zusammen gegen 1200 Mitgliedern
beitraten, konstituiert. Zehn Jahre später, im Oktober 1900, umfaßte
er 200 Vereine mit zusammen gegen 4500 Mitgliedern, und am
Ende unserer Epoche, im Jahre 1905, war zwar die Zahl der Vereine auf
194 gefallen, die Mitgliederzahl aber auf rund 7000, nämlich 5341 aktive
und 1659 passive Mitglieder, gestiegen. Eine Anzahl kleinerer Vereine
hatten sich zu einem großen Verein verbunden. Ihrer Zusammensetzung
nach waren 191 Vereine Männerchöre, zwei Vereine gemischte Chöre und
ein Verein ein Damenchor. 106 Vereine hatten ihren Sitz in Berlin,
88 in der Amgegend. Der Bund hat sich nach Gründung der „Liedergemeinschaft"
dieser Verbindung von deutschen Arbeiter-Sängervereinen,
angeschlossen, die es sich zur Aufgabe setzte, wahrhaft gute Chorgesänge
freiheitlicher Tendenz für Deutschlands Arbeiter-Sängerschaft herauszugeben,
und sich 1908 als „Deutscher Arbeiter-Sängerbund" konstituiert hat.
Dies der äußere Entwickelungsgang des Bundes. In bezug auf die
gesanglichen Leistungen der ihm angeschlossenen Vereine darf man sagen,
daß sie meist ein achtbares Mittelgut repräsentieren, einige Vereine aber
eine sehr hohe Stufe künstlerischen Vermögens erreicht haben und sowohl