Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Das  muß  man  berücksichtigen,  um  ihre  Leistungen  in  bezug  auf  theatralische ­
  Darbietungen  richtig  zu  würdigen.  Aber  mit  ihnen  erschöpft  sich
das  Wirken  der  „Freien  Volksbühne"  nicht.  Neben  den  Theatervorstellungen
veranstaltet  sie  Kunstabende,  die  der  Vorführung  von  Dichtwerken  anderer
Gattung,  Vorträgen  literargeschichtlichen  Charakters,  musikalischen  Aufführungen ­
  besserer  Gattung  dienen.  Auf  den  verschiedensten  Gebieten  der
Kunst  erschließt  sie  immer  weiteren  Kreisen  der  Arbeiterschaft  das  Verständnis
und  den  Genuß  der  besten  Schöpfungen.  Dabei  vermeidet  sie  geflissentlich
den  Abweg  ins  pedantisch  Lehrhafte.  Sie  ist  Schule  durch  das  Beispiel
und  nicht  durch  die  Predigt.  Sie  ist  geschaffen,  bessere  Erholung,  besseren
Genuß  zu  bieten,  als  er  dem  Volk  von  der  Spekulation  und  den  offiziellen
Erholungsanstalten  dargeboten  wird.  Sie  ist  freie  Volksbühne  auch  in
dem  Sinne,  daß  sie  die  Freiheit  der  Kunst  nicht  außer  Augen,  auch  dem
Lumor,  der  fröhlichen  Laune  ihr  Recht  läßt.  So  ist  sie  ihren  Mitgliedern
ans  Herz  gewachsen  und  sieht  deren  Kreis  sich  unausgesetzt  verstärken.  Mit
diesem  Programm  hat  sie  vorbildlich  für  andere  Orte  gewirkt  und  andere
Parteien  und  Körperschaften,  die  mit  ähnlichen  Schöpfungen  vorgingen,
genötigt,  ihrem  Beispiel  Rechnung  zu  tragen.  Sie  hat  vor  allem  den  Beweis ­
  geliefert,  daß  auch  das  Theater  demokratisch  aufgebaut  werden  kann,
ohne  an  Kunstwert  zu  verlieren  —  nein,  um  gerade  dadurch  an  Kunstwert
zu  gewinnen.  Denn  die  „Freie  Volksbühne"  steht  nach  dem  Arteil  aller
Sachkenner  in  bezug  auf  den  Kunstwert  ihrer  Aufführungen  und  Veranstaltungen ­
  hoch  über  dem  Durchschnitt  aller  von  Staat,  Gemeinden  oder
bürgerlichen  Vereinigungen  patronisierten  „Volkstheater".
3.  Andere  Schöpfungen.
Der  Arbeiter-Sängerbund.  Für  die  Pflege  der  Kunst  des  Gesanges ­
  besteht  in  Berlin  der  „Arbeiter-Sängerbund  Berlins  und
Amgegend",  dessen  Gründung  am  Vorabend  des  Ablaufs  des  Sozialistengesetzes, ­
  am  14.  September  1890,  beschlossen  wurde.  Einen  Monat  später
ward  der  Bund,  dem  sofort  49  Vereine  mit  zusammen  gegen  1200  Mitgliedern ­
  beitraten,  konstituiert.  Zehn  Jahre  später,  im  Oktober  1900,  umfaßte ­
  er  200  Vereine  mit  zusammen  gegen  4500  Mitgliedern,  und  am
Ende  unserer  Epoche,  im  Jahre  1905,  war  zwar  die  Zahl  der  Vereine  auf
194  gefallen,  die  Mitgliederzahl  aber  auf  rund  7000,  nämlich  5341  aktive
und  1659  passive  Mitglieder,  gestiegen.  Eine  Anzahl  kleinerer  Vereine
hatten  sich  zu  einem  großen  Verein  verbunden.  Ihrer  Zusammensetzung
nach  waren  191  Vereine  Männerchöre,  zwei  Vereine  gemischte  Chöre  und
ein  Verein  ein  Damenchor.  106  Vereine  hatten  ihren  Sitz  in  Berlin,
88  in  der  Amgegend.  Der  Bund  hat  sich  nach  Gründung  der  „Liedergemeinschaft" ­
  dieser  Verbindung  von  deutschen  Arbeiter-Sängervereinen,
angeschlossen,  die  es  sich  zur  Aufgabe  setzte,  wahrhaft  gute  Chorgesänge
freiheitlicher  Tendenz  für  Deutschlands  Arbeiter-Sängerschaft  herauszugeben,
und  sich  1908  als  „Deutscher  Arbeiter-Sängerbund"  konstituiert  hat.
Dies  der  äußere  Entwickelungsgang  des  Bundes.  In  bezug  auf  die
gesanglichen  Leistungen  der  ihm  angeschlossenen  Vereine  darf  man  sagen,
daß  sie  meist  ein  achtbares  Mittelgut  repräsentieren,  einige  Vereine  aber
eine  sehr  hohe  Stufe  künstlerischen  Vermögens  erreicht  haben  und  sowohl
            
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