Fünfundzwanzig Jahre.
S li» Virttiljahehundert »oller Kampf und Sorg», oVcr ec-n Genugtuung
und Erfolg begleitet. ist verflossen, feit da« „Berliner AoUSblall",
der Vorläufer de« .Vonvätts", sein« Laufbahn begann. Dir ersten
5'ij Jahre der Sch andgi sehe« warn, vorüber; wcbrr polizeilich« Schilone
noch richterliche Grousanikclt, weder die durch die PoIijtitli-.VJff BiSinarck« und
‘patlfamnl verüble Dorjagang von Lao« und Lvf. noch die Blulurieilr der
da« AuLnahmegese» gegen die Sozialdemokrat!« handhabenden Justiz halten verhindern
können, daß di«' Arbeiter Berlin« kioy de« Mangel« öffentlicher Organisationen
weiter agitierten. sich in lleinerrn Kreisen zosanimensaiiden. Verbindungen
zioischen den genossen J.crpcCtfn und durch TScrl und c*[ifi de» Kamps gegen
die kapitalistische Gesellschaft sowie deren Werkzeuge. Polizei und Regl-rung.
eifrig fortsetzte». In dem in Zürich erscheinenden „Sozialdemokrat'' war da»
Organ geschossen wordc». da« auch die Berliner Parteigenossen über die Vorgange
in der sozialistischen Well und vor allem in der soziaidemoiratischen Partei
Deutschland« aus dem Lausenden erhielt. Die Beziehungen zum „Sozialdemokrat"
waren gcrcgelt, seiur Verbi,ilung gesichert-, do.v übrige wurde durch Broschüren
und Fliigblätur besorgt, in deren prompter uud sicht!« Veibrrilung die Berliner
Parleigenosseti in erster Reihe räiiz waren.
So wurde der tägliche Kieinlrieg geräuschldo unter der Oberfläche mit
zäher Energie, oiibeuglainer Er.tschlvsscnhril und großem Des,fmk betrieben; eit'.
Kamps, dlffen Organisation so prompt knnNionierte. das) die politische Polizei
trotz Massenaufgebot« von .Nichlginkiem,»". wie der Minister Pultkamer
sei», Spitzel und Provokateur» bezeichnet», der Versolgtea nicht Lere werde» tonnte.
Freülch an Odfem ha« t» nicht gefehlt; di« Teilnehmer an Zusomiuenlünsten,
dir Verbreiter de« „Sozialdemokrat", die Vetteiler ron Broschüren und tzlugblältern
mußten sehr häusig ihr» mutig,, opserbrrcite Arbeit mit Gesikngnisstrullii
und mit Ausweisung au« Berlin bezahlen.
Aber leine Gefahren, weder Gefangn!« noch Verbannung vermochten Kraft
und Mut der Genossen zu drechett; für jeden aueschetdenden Kämpfer traten
neu« Streiter «In; jede Lücke wurde sofort auegesülll; ein förmlicher Weeislreit
»nlspon» sich um die gefahrvollsten Posten. Jeder wollt« in der ersten Reihe fechten.
Bismarck Halle einsehen müssen, daß seine Spekulation mit dem Ausnahmegesetz
gänzlich verfehlt und »rsolglo« blieb. Eüeber lvar e« gelungen, durch di«
Brutalität de« Ausnahmegesetzes die Arbriicrklassr zu gewaltsamen Angriffen
gegen dl« Slaatsgttvall zu veranlassen, woraus di» Machthaber wohl gerechnet
hallen, um die Arbeiterbewegung dann in einem Bluidadc ersticie» zu könne»,
noch hatt« man e« fettig belommen, di« verhaßtc Sozialdeinolralie lahm zu logen,
geschweige denn zu rernichlen. Wo« nicht öffentlich an Agitation, Verbreitung
von Literatur und Versammlungen geschehen lounte, wurde auf anderem Wrge
geleistet, wobei di« Sozialdemviralit stetig Anhänger gewann und sich, nainentlich
auch in Berlin, in immer stärkerem Mäh» entwickelte.
In dieser Situation verfielen Bismarck und seine Trabanten, die zur Zeit in
Berlin »inen heftigen Kamps gegen di« Fortschrittspartei und die Berliner
Kommunalvcrwoltung fühlten (die Biemarck, wie er meint», «in» zu hohe Mietosteuer
auferlegt hotte), aus die glorios» Idee, di« Sozialdemokratie könne durch ein«
mildere Londhadung de« Sozialistenaeseyr« von der Propagierung ihrer Grund,
sähe, von der zielbewußten Agitation gegen die bestehend« Gesellschaftsordnung
abgebracht werden und sich a!« Vorspann gegen die bürgerlichen Gegner der
Birmanischen Revision mißbrauchen lassen.
Im Verfolg dieser «bsuiden. durch keinerlei Landlung der Sozialdemokratie
gerechlfettiglrn Annahm« legt« die Regierung der Neugründung von ArbesterbezirkSverclnen,
deren Errichtung zur noch besseren Zusammrilsaffung der Genosse»
und zum Betriebe der Gemeinde- und ReichStagSwahlen notwendig wurde —
di« anderweit» Organisation blieb natürlich vollkommen iutakt — keine Linderniss«
in den Weg. Vielleicht glaubte man bei der Polizei dadurch besser hinter selche
Absichten zu kämmen, die in Rücksicht ans da« Sozialistkngrskh nicht öffenkiich in
den Arbeitervereinen verhandelt wcrden konnten.
Gleichzeitig wurde vcn bre Regierung d<r Versuch gemacht, durch Begründung
einer Zeitung I» Berlin, di, den fchöuen Romen .Volk«freund"
erhielt, posizeilich abgestempelt, Arbeiicrfrrundlichleit zu verzapfen. Die Redakteure
und Mitarbeiter wurden au« der Pclizeilrixpc gespeist, eine Agitation für die
Vkrbreitiiog be« Blatte« in Arbciterlreisetl in Szene gesetzt und oCt« aufgeboten,
um durch dt» polizeiliche» .Vo!!«ftcund" der Sozialdemokrali« da« Wasser
abzugraben.
Im der drohenden Gefahr, das, Venvinvng i» Len eigenen Reihen hervorgerufen
tverde. vorzubeugen, riilschlosscn sich die Berliner Genossen, trotz der Taclei,
und Gesahrrn dr« Sozialistengesetze« »in täglich erscheinende« Blatt für Berlin
Mit diesem Entschluß beginn! di« Geschichte de« „Berliner Voli«blali°",
da« später ln den „VvnvLtt«" ausging. Von den jährlich!,itcn, di« damol«
einem der Verbreitung sozialdemokraiischer Grundsätze und Forderungen gewidmelen
Arbesterblatt drohten. Ion» man sich heule lauin noch einen Begriff machen.
Tag und Nacht auf dem Posten, siel« in Sorge um die Weiterer istenz de« Blatte«,
in politischer und strafrechtlicher Beziehung nebo» der vor »ein* Gewalttat jurflesschchucr-den
Regierung einer der Reaktion willfährigen Justiz gigenübecsichrud.
galt es. dir Klippen de« Sozialistengesetz,« klug zu vmlchisscu, bad»! aber mutig
und enksehlosskn die sozialdemokratischen Idee» „nd die Ardeitersocdeeungc» zu
vrrkrelcn, uw, Lerzen und Kopse de« Proletarier in drm Kämpf gegen Auabrulung
und llnle:drückimg zu stählen. Diese n»!«e den damaligen Verhältnissen
doppelt schwierig« Ausgabe — stet« umlaneet von den Verbotzbestivin-ungen de«
Sozialistengesetze«, ganz abgesehen von den persönlichen Gefabro, für alle Velelligicn
— hat da« „Berliner Dollkdlatl" Iren, kakirüslig und erfolgreich geleistet.
Anerkennung und Dank hierfür har e« erhalten. aU die Partei im Jahre >890
brschlosi, daß et seinen mit Ehren getragenen Nomen im Titel Le« Zentralorgan«
writcrlühren soll».
Lire mögen einige biographische Natizeu über da« „Berlmci Volttblatl'
Platz finden. Lcrgestell! wurde da« untcr den, Sozialistengesetz erscheinend«
Organ in der Druckerei der Genossen Babing »nid Banchergcr, di« in hingeblnig«-vollem
Eifer die Inlcieffcn de« Blaitc« al« Verleger vcnratcn. Die erste Expedjiion
befand sich in einem kleinen unzulänglichen Laden. (iin daran grenzende«
Ziuimerchi» beberbei-gr« dir Redaliion. Bo» den ersten Redalteuren zitieren wir
au« de:» Gedächtnis eni!ge Genossen, deren Namen eine» guten Klang in der
Partei hadr», so jum Beispiel Lasenclever, Blv«. Rüdiger (der spater Infolge
seiner Tätigkeit ausgewiesen wurde), Baake und Tutzaver. Di: Expedition wurde
zuerst von dem Genosse» Ewald (ebenso!!« später ausgewiesen), spätre von dr»
Grnossc» Liesiändcr und Glocke geleit»!. Der erst« Berichterstatter war, soweit
ich mich erinnere, der an« Lossassc« Icitc» bclanntc Gerwsse v. Lofstettc». Lauptmitarbeiier
ivarcn unsere unvergeßlichen Vorlänipser Auer und Liebknecht. In
dankbarer Etiimcning niuh hcrvorgehobtti Ivcrdcn, daß eine große^ltizahl
Genossen da» Blatt durch Arbeiten verschiedcnslcr Art nnlersiüht und ihm
dadurch s,tne Aufgabt, im Dienste der Sozialdemokratie ZU wirken. erleichtert
haben.
Dl« Berbrriinng de« .Berliner Volksblalis" mögen einige Zahlen illuslrlrren.
Es sing mit einer Auslage von 2000 Exemplaren an. Anfang 1885 war sie auf
«000 Exemplaren gestiegen; im Jahre 1638 erhöht«' sich die Äbonneiitenjiffer auf
II 000, uns nach den RcichSIagSwahlci, de« Jahres 1890 konnt» das Blatt In
einer Auflag« von 25 000 Exemplaren erscheinen. Die Zeit, In der da« „Berliner
VoUoblall" al« selbständige« Organ der Berliner Parlclgcnossc» d,m lämpsendcn
Prolrlariat seine Dienste grlcistcl hat, ist »ich» gar lang — und doch werde»
diese sechs Jahr« in der Geschichte der Berliner Sozialdemakravr unvergessen
bleiben, hinter den schwierigsten Verhälttiisse» hat e» unermüdlich, unter
Anspannung aller Kräsle. de» Kampf gegen die Biomarcksihe Reaktion
grfühtt.
Dank der durch die Tcilnahr.ie der Genossen stark unterstützten ttnsigen
Arbeit de« Berliner Parteiorgan« und vor ollem durch die in imnicr höherem
Maß« betriebene Agitation und Propagierung der Parlciziele wurde in
i«„en Jahren eine geistige Vettiksung der Parteigenoß«!, erreicht, die. durch
fleißige« Studium der Pattcililcraiur gesellig», sich auch bald änsicrsich in sehr
erfieulichein Uinsange erwies, indrm die Jahre lv8i. 1887 und 1890 uns einen
sehr erheblichen Elimmcnzuwach» bei bei« ReichologSwohlen brachten. Außerdem
wurde die Periode der tommunalc» Tätigkeit in Berlin »ingelelt«« und
in fortschreitender Entwickelung gesördeit. Nachdem die Verhandlungen de«
Reichstag»« Jahr für Jahr Grlrgrnheil gibolrn hatten, die Londhadung
dt« Sozialistengesetze« z» brandinarlcn, und die von der Regierung In,
In- und Auslande, nauientlich von Berlin au«, betriebene Epitzelwirtschast
da« Reich ans« Aergste bloßgestelle halte, während zugleich die völlige Ersolglosiglei«
de« Sozialistengesetzes offcnlundig zutage getreten war, fand sich —
da Bi-iniarck. zu jener Zeit in Konstil, mit dem jungen Kaiser, der sich In bezug
auf da« zu Ende gehende Ausnahmegesetz voUlommen passiv verhielt — in, Jahre
18S9 im RrichSlag« lrine Nlajorität mrhr für die Aerlängermig dr« Autnahmrgesetze^^
brutal« Machwerk junkerlicher Reaktion wurde saug- und klanglos
verscharr«, während die Sozialdeinolralie trotz dc« Ausnab-ncgesetze« innkrlich
gofestlgl und nach außen machtvoll crslarlt, stolzen Mute« den, Urheber de« Echandgesetzt«
gegenüberzottclen vennocht«. Das Regimml Bismarcks war zu Ende.
Mi, dem Fall de« SozIaliiiengrseheL brach auch die polittsche Macht BiSmarch«
schmählich zusamincn.
Am l. Olloder 1890 trat da« Sozialistengesetz
Inzwlschcn waren all« Vorbereitungen getroffen worden, um die Partei
uamiltelbor nach Erlöschen de« Sozialistengesetze« wieder in öffentsiche Aktion
tret«» zn lasse». Der Entwurf »in»« neuen, den veränderten Verhältnissen
angepaßten Otgamsalionsstatul« ivar vou der Rcicholagssraltio» ausgearbeitet
worden, um als Grundlage für die a»f dr», Parteitage vorzuuehmeude Beratung
zu. diene». In stiller, aber doppelt emsiger Arbeit wurden die Aufgaben
erwogen, die der Partei harrten, und der Weg für den siegreichen'Vormarsch
dc« kampfbereiten sozlaldemolrailschen Proletariats geebnet.
Am 30. September war die Geltung und Wirtsainkeit der von der Sozialdemokl-ari«
niedergernngencn schmachrollen Gewallmaßregeln beendet, und schon
nach womg.-n Wochen, am 12.—18. Oltabcr, tagt« i» Lall» o. S. ein von der
191. Titelseite der Gedenknummer des „Vorwärts" zum Tage seines
25 jährigen Erscheinens