Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Machtverhältnisse  seiner  Parteien  und  den  Geist  seiner  Gesetzgebung  und
Verwaltung  schildert,  unter  Vorführung  der  Leistungen,  Sünden  und  Unterlassungen ­
  dieser  Gesetzgebung  auf  den  verschiedenen  ihr  unterstehenden  Arbeitsgebieten. ­

So  ausgerüstet  traten  kurz  nach  dem  Dresdener  Parteitag  die  Genossen
Groß-Berlins  in  den  Wahlkampf  ein,  den  das  Zentralwahlkomitee  mit
einem  packenden  Wahlaufruf  eröffnete,  der  im  „Vorwärts"  vom  18.  Oktober
1903  an  der  Spitze  des  Blattes  abgedruckt  ist.  Außerdem  wurden  verschiedene ­
  speziell  auf  Berlin  bezügliche  Flugblätter  verbreitet,  und  selbstverständlich ­
  begleitete  der  „Vorwärts"  den  Wahlkampf  mit  anfeuernden
Artikeln  und  Notizen  über  die  Bedeutung  der  Wahl.  Ebenso  ward  wiederholt ­
  in  großen  Volksversammlungen,  die  in  bezug  auf  Besuch  und  Begeisterung ­
  die  hochgespanntesten  Erwartungen  rechtfertigten,  für  kräftige
Beteiligung  an  der  Wahl  agitiert.  Am  6.  November  erfolgte  in  den  vier
Landtagswahlkreisen  Berlins  die  Aufstellung  der  Kandidaten.  Es  waren  dies:
für  Berlin  I  Bohn,  W.  Pfannkuch  und  Sb.  Schubert;
„  „  II  Leo  Arons  und  L.  Silberschmidt;
„  „  III  August  Bebel  und  G.  Ledebour;
„  „  IV  Lugo  Leimann  und  Paul  Singer.
Für  Niederbarnim  und  Oberbarnim  kandidierten  G.  Freiwaldt,  A.  Stadthagen
  und  Bernhard  Bruns,  für  Teltow-Beeskow-Charlottenburg  Paul
Lirsch  und  Fritz  Zubeil.
Mehr  noch  als  bei  der  Reichstagswahl  fiel  bei  der  Landtagswahl  die
Kleinarbeit  ins  Gewicht.  Waren  doch  in  Berlin  allein  in  zwischen  1200
und  1500  Arwahlbezirken  Wahlmannskandidaten  aufzustellen  und  die  Mannschaften ­
  für  den  Dienst  bei  der  auf  den  12.  November  angesetzten  Arwahl
zu  organisieren  und  zu  instruieren.  Lierbei  bewährte  sich  nun  die  schon  vorhandene ­
  Gliederung  nach  Bezirken,  die  mit  den  Stadtbezirken  zusammenfielen, ­
  auf  das  vortrefflichste.  Auch  die  bei  den  Stadtverordnetenwahlen
gesammelten  Erfahrungen  kamen  der  Partei  am  Wahltage  sehr  zunutze.
And  das  Wahlergebnis  war  aufs  neue  ein  Freund  und  Feind  gleichermaßen ­
  überraschender  Erfolg  der  Sozialdemokratie.  Von  insgesamt  6823
Wahlmännern  Berlins  waren  nahezu  ein  Drittel,  nämlich  2175,  sozialdemokratisch. ­
  Davon  entfiel  die  Lälste  auf  den  dritten  Landtagswahlkreis,
der  den  ganzen  sechsten  und  Teile  des  fünften  Reichstagswahlkreises  umfaßt, ­
  und  es  konnte  einen  Augenblick  zweifelhaft  erscheinen,  ob  die  Freisinnigen ­
  in  diesem  Wahlkreis  bei  der  Abgeordnetenwahl  so  viele  eigene
Wahlmänner  zum  Wahltisch  würden  bringen  können,  um  über  Sozialdemokraten ­
  und  Konservative  eine  absolute  Mehrheit  zu  erhalten.  Zn  der
Tat  erhielten  ihre  Kandidaten  bei  dieser  Wahl,  die  am  20.  November  1903
stattfand,  nur  sieben  Stimmen  über  die  Lälste  der  Wahlmänner,  wobei
noch  angenommen  werden  muß,  daß  ein  Teil  konservativer  Wahlmänner
gleich  von  vornherein  für  die  Freisinnskandidaten  gestimmt  hatten,  da  an
einen  Sieg  der  Konservativen  hier  nicht  zu  denken  war,  sondern  nur  die
Kandidaten  der  Sozialdemokratie  in  Frage  kamen.  Überhaupt  hat  das
Wahlsystem  mit  den  drei  Wählerklassen  und  der  indirekten  Wahl  die  Eigentümlichkeit, ­
  daß  bei  Wahlmännern  der  ersten  und  selbst  noch  bei  einem  Teil
der  bürgerlichen  Wahlmänner  der  zweiten  und  dritten  Klasse  von  einer
bestimmten  Parteisarbe  kaum  die  Rede  ist.  Sie  werden  von  ihren  Klassen-
            
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