Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Gelegenheit  der  großen  Aussperrung  vom  Sommer  1900  war.  Diese
Unterstützung  ist  keineswegs  immer  uninteressiert,  neben  ehrlicher  Sympathie
ist  auch  oft  Berechnung  auf  die  Arbeiter  als  Wähler,  Zeitungsleser,  Käufer
usw.  im  Spiel,  aber  so  oder  so  ist  sie  als  wiederholt  auftretende  Erscheinung ­
  die  Folgewirkung  des  Wachstums  der  Arbeiterklasse  an  Zahl
und  sozialer  Schwerkraft.
Einen  erheblichen  Riß  erhielt  indes  das  freundschaftliche  Verhältnis
zwischen  bürgerlichen  Reformern  und  Arbeiterschaft,  als  im  Jahre  1900  eine
neue  Flottenvorlage  großen  Stils  von  der  Regierung  dem  Reichstage
präsentiert  wurde.  Noch  Anfang  1899  hatte  der  Marinesekretär  von  Tirpitz
im  Reichstag  die  feierliche  Erklärung  wiederholt,  die  bei  Bewilligung  der
Flottenvermehrung  von  1898  regierungsseitig  abgegeben  war,  nämlich,  daß
man  an  keine  neue  Flottenvorlage  denke.  Aber  das  Jahr  war  noch  nicht
zu  Ende,  da  flocht,  am  11.  Oktober  1899,  der  deutsche  Kaiser  in  eine  in
Hamburg  aus  Anlaß  des  Stapellaufs  des  Linienschiffs  „Kaiser  Karl  der
Große"  gehaltene  Rede  die  Worte  ein,  die  nun  in  ganz  Deutschland
kolportiert  wurden:  „Bitter  not  ist  uns  eine  starke  deutsche  Flotte."
Im  Dezember  1899  gestand  der  Reichskanzler  dem  Reichstag,  es  handle
sich  darum,  die  Schlachtflotte  und  die  großen  Auslandsschiffe  zu  verdoppeln,
das  Küstengeschwadcr  dagegen  zu  beseitigen,  und  am  26.  Januar  1900
gelangte  dann  auch  die  entsprechende  Vorlage  an  den  Reichstag,  nachdem
sie  im  Bundesrat  einstimmige  Annahme  gefunden  hatte.  Wieder  wurde,
und  mit  weit  größeren  Mitteln  und  weit  umfassenderem  Apparat  als  zwei
Jahre  vorher,  eine  Bearbeitung  der  öffentlichen  Meinung  ins  Werk  gesetzt.
Der  Flottenverein  arbeitete  mit  Hochdruck,  unzählige  Broschüren  und
Flugblätter  wurden  im  Volk  verbreitet,  mit  Bildern  aller  Art  ward  auf
Bahnhöfen  und  in  Schaubuden  auf  die  Gemüter  eingewirkt,  in  den  Schulen
wurden  den  Kindern  Vorträge  über  die  Wichtigkeit  einer  großen  Flotte
gehalten,  und,  um  rächt  zurückzubleiben,  entschlossen  sich  eine  Anzahl  Professoren ­
  —  Brentano,  Sombart,  Wagner,  Schmoller  usw.  —  ins  Volk  zu
gehen  und  in  Volksversammlungen  vor  den  Arbeitern  den  Segen  zu  verkünden,
der  der  Arbeiterklasse  Deutschlands  von  einer  verstärkten  Flotte  in  Aussicht
stehe.  Indes  war  der  Liebe  Mühe  umsonst.  Man  hörte  die  Gelehrten
ruhig  an,  blieb  ihnen  aber  die  Antwort  nicht  schuldig,  die  immer  wieder
in  die  Worte  auslief:  Wir  glauben  euch  nicht!
Soweit  die  von  der  sozialdemokratischen  Bewegung  erfaßte  Arbeiterschaft
in  Betracht  kam,  blieb  die  Agitation  erfolglos.  Der  so  beliebte  Hinweis  auf
die  viele  Arbeitsgelegenheit,  die  der  Flottenbau  schaffen  werde,  verfehlte  selbst
in  denjenigen  Städten  seinen  Eindruck  auf  die  Arbeiter,  für  die  er  in  der
Tat  Vorteile  in  Aussicht  stellte.  Sonst  aber  war  die  Schlacht  für  die
Regierung,  soweit  die  Parteien  im  Reichstag  in  Betracht  kaincn,  von
vornherein  gewonnen,  da  das  Zentrum  marinefromm  geworden  war.  Es
handelte  sich  im  Grunde  nur  darum,  den  Abgeordneten  die  Rechtfertigung
der  Bewilligung  vor  der  Wählerschaft  zu  erleichtern.  Nur  über  die  Dcckungsftage
  wurde  ernsthaft  debattiert,  denn  die  Rechnung,  die  nun  zu  begleichen
war,  war  nicht  gering.  Nach  der  Regierungsvorlage  handelte  es  sich  um  eine
Mehrausgabe  von  insgesamt  über  fünf  Milliarden  Mark,  die  zwar  auf  eine
Anzahl  von  Jahren  verteilt  werden  sollte,  aber  doch  den  Jahresbedarf  für
die  Marine  um  Hunderte  von  Millionen  heraufsetzte.  Woher  diese  nehmen?
            
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