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Gelegenheit der großen Aussperrung vom Sommer 1900 war. Diese
Unterstützung ist keineswegs immer uninteressiert, neben ehrlicher Sympathie
ist auch oft Berechnung auf die Arbeiter als Wähler, Zeitungsleser, Käufer
usw. im Spiel, aber so oder so ist sie als wiederholt auftretende Erscheinung
die Folgewirkung des Wachstums der Arbeiterklasse an Zahl
und sozialer Schwerkraft.
Einen erheblichen Riß erhielt indes das freundschaftliche Verhältnis
zwischen bürgerlichen Reformern und Arbeiterschaft, als im Jahre 1900 eine
neue Flottenvorlage großen Stils von der Regierung dem Reichstage
präsentiert wurde. Noch Anfang 1899 hatte der Marinesekretär von Tirpitz
im Reichstag die feierliche Erklärung wiederholt, die bei Bewilligung der
Flottenvermehrung von 1898 regierungsseitig abgegeben war, nämlich, daß
man an keine neue Flottenvorlage denke. Aber das Jahr war noch nicht
zu Ende, da flocht, am 11. Oktober 1899, der deutsche Kaiser in eine in
Hamburg aus Anlaß des Stapellaufs des Linienschiffs „Kaiser Karl der
Große" gehaltene Rede die Worte ein, die nun in ganz Deutschland
kolportiert wurden: „Bitter not ist uns eine starke deutsche Flotte."
Im Dezember 1899 gestand der Reichskanzler dem Reichstag, es handle
sich darum, die Schlachtflotte und die großen Auslandsschiffe zu verdoppeln,
das Küstengeschwadcr dagegen zu beseitigen, und am 26. Januar 1900
gelangte dann auch die entsprechende Vorlage an den Reichstag, nachdem
sie im Bundesrat einstimmige Annahme gefunden hatte. Wieder wurde,
und mit weit größeren Mitteln und weit umfassenderem Apparat als zwei
Jahre vorher, eine Bearbeitung der öffentlichen Meinung ins Werk gesetzt.
Der Flottenverein arbeitete mit Hochdruck, unzählige Broschüren und
Flugblätter wurden im Volk verbreitet, mit Bildern aller Art ward auf
Bahnhöfen und in Schaubuden auf die Gemüter eingewirkt, in den Schulen
wurden den Kindern Vorträge über die Wichtigkeit einer großen Flotte
gehalten, und, um rächt zurückzubleiben, entschlossen sich eine Anzahl Professoren
— Brentano, Sombart, Wagner, Schmoller usw. — ins Volk zu
gehen und in Volksversammlungen vor den Arbeitern den Segen zu verkünden,
der der Arbeiterklasse Deutschlands von einer verstärkten Flotte in Aussicht
stehe. Indes war der Liebe Mühe umsonst. Man hörte die Gelehrten
ruhig an, blieb ihnen aber die Antwort nicht schuldig, die immer wieder
in die Worte auslief: Wir glauben euch nicht!
Soweit die von der sozialdemokratischen Bewegung erfaßte Arbeiterschaft
in Betracht kam, blieb die Agitation erfolglos. Der so beliebte Hinweis auf
die viele Arbeitsgelegenheit, die der Flottenbau schaffen werde, verfehlte selbst
in denjenigen Städten seinen Eindruck auf die Arbeiter, für die er in der
Tat Vorteile in Aussicht stellte. Sonst aber war die Schlacht für die
Regierung, soweit die Parteien im Reichstag in Betracht kaincn, von
vornherein gewonnen, da das Zentrum marinefromm geworden war. Es
handelte sich im Grunde nur darum, den Abgeordneten die Rechtfertigung
der Bewilligung vor der Wählerschaft zu erleichtern. Nur über die Dcckungsftage
wurde ernsthaft debattiert, denn die Rechnung, die nun zu begleichen
war, war nicht gering. Nach der Regierungsvorlage handelte es sich um eine
Mehrausgabe von insgesamt über fünf Milliarden Mark, die zwar auf eine
Anzahl von Jahren verteilt werden sollte, aber doch den Jahresbedarf für
die Marine um Hunderte von Millionen heraufsetzte. Woher diese nehmen?