266 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.
nicht nehmen. Aber eben darüber sind sie längst hinaus ent—
wickelt, sie sind, namentlich die Ehe und die Priesterweihe,
zefährlich geworden, indem sie das Herrschgelüst der Kirche zu
Sakramenten gestempelt hat. Indes die damit verbundenen
Übelstände haben mehr der Kirche als Ganzem, als der Religio—
sität des einzelnen geschadet. Anders mit den Hauptsakra—
menten, dem Abendmahl, der Taufe, der Buße. Ihre Schäden
behandelt Luther am ausführlichsten, und in erster Linie die
des Abendmahls; hier giebt er zugleich auch mehr als sonst
schon einen Überblick der eigenen Auffassung.
Er geht da von der genauen und sinngemäßen Deutung
der biblischen Stellen, namentlich der Einsetzungsworte, aus
und folgert: „das Sakrament gehört nicht den Priestern, son⸗
dern allen; und die Priester sind nicht Herren, sondern Dieuer,
die da beiderlei Gestalt denen geben müssen, die sie begehren,
so oft sie das thun.“ Er spricht dann von, der Transsubstan⸗
tiationslehre der mittelalterlichen Kirche; er stellt sich ihr teilweis
entgegen; aber er läßt in weitherziger Toleranz auch andere
Meinungen zu. Von viel größerer Bedeutung erscheint ihm
jener schreckliche Mißbrauch, dadurch es geschehen ist, daß heute
in der Kirche wohl nichts so allgemein und so sehr geglaubt
wird, als daß die Messe ein gutes Werk und ein Opfer sei.
Denn dieser Mißbrauch hat unzählige andere erzeugt, bis der
Glaube des Sakraments gänzlich erloschen ist, und man aus
dem Gebrauch des göttlichen Sakraments die reinen Jahrmärkte,
Schankstätten und Geldgeschäfte entwickelt hat.
Dem gegenüber muß zum Verständnis zunächst alles bei—
seit gelassen werden, was zur ursprünglichen Form dieses
Sakraments menschlicher Eifer und Andacht hinzugethan hat,
Meßgewand, Zierrat, Gesänge, Gebete, Orgeln, Lichte und alle
Pracht finnenfälliger Dinge. Fest steht dann unfehlbar auf
Grund der Bibel, daß die Messe oder das Sakrament des
Altars das Testament Christi ist, das er sterbend nach sich ließ
zur Austeilung an seine Gläubigen „zur Vergebung der
Sünden“. So liegt im Testament eine Verheißung. Den
Zugang zu ihr aber erhält man durch keinerlei Werke, eigene