Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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rekrutiert,  Abbruch  tun.  Es  scheint  denn  auch,  wenn  man  von  dem  Treiben  irr
der  Friedrichstadt  absieht,  die  Straßenprostitution  in  Berlin  abgenommen
zu  haben.  Was  sich  aber  auf  der  Friedrichstraße  und  ihren  Nebenstraßen
allabendlich  an  Prostitution  cinfindet,  das  ist  zu  einem  guten  Prozentsatz
aus  allen  Teilen  Deutschlands  und  selbst  des  Auslands  zugereist.  Berlin
ist  auch  in  diesem  Punkt  jetzt  —  Weltstadt.
Hauptstadt  der  Vergnügungen  und  Hauptstadt  der  Arbeit,  das  ist  das
Berlin,  nrit  dem  wir  es  nun  zu  tun  haben.  Könnte  man  eine  Statistik
der  Menschen  aufmachen,  die  in  Berlin  von  den  Vergnügungen  Und  was
man  dafür  hält,  leben,  cs  würden  ganze  Armeen  znsaminenkommen.  Mit
der  Zahl  der  Menschen,  die  nur  dem  Genuß  leben,  mußte  natürlich  auch
die  Zahl  der  Menschen  zunehmen,  die  von  der  Arbeit  für  das  Vergnügen
und  von  der  Ausbeutung  der  Vergnügung  Suchenden  leben.  Aber  es
ist  das  nur  Ein  Faktor  der  Steigerung  dieser  Armee.  Das  ganze  überhastete ­
  Leben  unserer  Zeit,  die  intensivere  Art  der  Arbeit,  die  veränderte
Art  des  Wohnens  in  den  die  Menschen  immer  weiter  von  der  Natur
entfernenden  Mietskasernen  —  alles  das  schafft  die  nervöse,  nach  Abwechselung ­
  und  starken  Reizen  drängende  Stimmung,  die  den  zunehmenden
Anlockungen  gegenüber  widerstandslos  ist.  Hierher  gehört  auch  die  Ausbreitung, ­
  die  das  Wetten  in  Berlin  gefunden  hat.  Ehedem  wetteten,  außer
den  Sportsleuten  selbst,  fast  nur  noch  die  Angehörigen  der  Fleischerzunft.
Der  Anfang  des  zwanzigsten  Iahrbunderts  findet  in  Berlin  das  Wetten
so  verbreitet,  daß  selbst  in  den  Volksvierteln  Barbiere,  Gastwirte  und
Zigarrenhändler  in  wachsender  Zahl  sich  veranlaßt  sehen,  die  Nennlisten
zu  abonnieren  und  dies  durch  Aushänge  bekanntzugeben.  Die  mit  dem
Wetten  verbundenen  sozialen  Gefahren  werden  wohl  manchmal  übertrieben,
daß  aber  solche  Gefahren  bestehen,  kann  niemand  leugnen.  Seine  starke  Ausbreitung ­
  muß  daher  als  ein  übles  Symptom  der  Entwickelung  bezeichnet
werden.  Sie  würde  zu  sehr  Pessimistischen  Schlüssen  nötigen,  wenn  Berlin
nicht  zugleich  damit,  daß  es  eine  .Hauptstadt  der  Arbeit  ist,  die  größte
Hauptstadt  der  Arbeiterbewegung  wäre.
            
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