Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

arbeit,  lohnende  Arbeit  oder  Arbeit  um  jeden  Preis.  Wechsel  in
der  Beschäftigung  mutz  fehlen,  da  nur  der  Eingearbeitete  viel  schafft,
Arbeitserziehung  -  und  gewerbliche  Kinderarbeit  sind  diametrale
Begriffe."
Der  Erziehungszweck  in  diesen  Anstalten  weicht  vielfach  einer
durch  das  Kinderschutzgesetz  direkt  verbotenen  Ausbeutung  jugendlicher ­
  Kräfte!  Die  Erziehung  zur  Arbeitsfreudigkeit  und  die  planmäßige ­
  Entwickelung  der  körperlichen  und  geistigen  Fähigkeiten  der
Kinder  finden  bei  dem  Sortieren  von  Kaffee,  Linsen  und  Erbsen
für  fremde  kapitalistische  Unternehmer  keinen  Platz.  Das  Leben
dieser  Kinder  windet  sich  bei  einer  grau  langweiligen  Arbeit  freudlos
ab.  Ein  typisches  Bild  von  dein  düsteren,  in  den  Fürsorgeanstalten
oft  herrschenden  Leben  zeichnet  der  Lehrer  Agahd  mit  folgenden
Strichen:  Anstalt  N.  „Die  ganze  Zeit  autzer  den  Sonntagen  und
einer  halben  Stunde  der  Werktage  ist  mit  Schule  und  Arbeit  vom
Morgen  bis  Abend  ausgefüllt.  Auf  diese  Weise  ist  keine  Zeit  für
körperliche  Uebungen,  Spielen  und  andere  Zerstreuungen  übrig.
Man  sieht  selten  die  Knaben  spielen,  auch  hörte  ich  kein  einziges
Mal  ein  frisches,  herzliches  Lachen."
Gar  zu  einseitig  ist  die  Unterweisung  der  weiblichen  Fürsorgezöglinge ­
  bisher  gestaltet  worden.  Aus  dem  Munde  eines  geschulten
Leiters  einer  Fürsorgeanstalt  vernahm  ich  selbst  die  Klage»  datz  man
die  Mädchen  vielfach  nicht  einmal  in  genügender  Weise  in  die  Obliegenheiten ­
  eines  Dienstmädchens  einführt.  Man  stellt  die  Mädchen
an  die  .  riesige  Waschmaschine  der  Anstalt,  aber  man  bringt  ihnen
das  Waschen  selbst  nicht  bei.  Aber  wenn  auch  wirklich  die  Mädchen
in  der  gründlichsten  Weise  in  allen  Hausarbeiten  unterrichtet  sind,
so  können  sie  doch  eben'  nur  Dienstmädchen  werden.  Als  Dienstmädchen ­
  aber  drohen  ihnen,  den  schwankenden  Charakteren,  den  ehemaligen ­
  Fürsorgezöglingen,  die  ernstesten  sittlichen  Gefahren.
Gerade  die  Prostitution  wirbt  ja  in  der  Dienstbotenklasse  so  zahlreiche ­
  Rekruten.
Die  Ausgestaltung  des  Arbeitsunterrichts  in  den  Fürsorgeanstalten
  betreibt  bisher  nur  mit  Weitblick  und  Energie  der  Direktor
Platz  in  Zehlendorf.  Er  wird  wohl  kurz  über  lang  auch  die  schöne
Aufgabe  einer  planmäßigen  Schulung  der  Mädchen  für  bestimmte
Handwerksberufe  lösen.  Die  bisher  so  vernachlässigte  Ausbildung
der  Mädchen  in  einem  Handwerk  hält  Dr.  Hammer  in  seiner
Schrift:  „Zehn  Lebensläufe  Berliner  Kontrollmädchen"  mit  Recht
für  eine  bedenkliche  Lücke  in  unserer  Fürsorgeerziehung.  „Bei  aller
Anerkennung  für  die  mühevolle  und  oft  undankbare  Arbeit  der
geplagten  Erzieherinnen  in  Fürsorgeanstalten,"  so  schreibt  er,  „halte
ich  bei  der  Geringfügigkeit  der  bisherigen  Erfolge  den  Versuch,  auch
in  diesen  Anstalten  Erziehung  und  Unterricht  mehr  als  bisher
zu  vereinigen,  falls  man  überhaupt  daran  denkt,  auf  dem  bisherigen
Wege  der  Anstaltserbauung  zu  verharren,'  für  empfehlenswert.
Meistens  werden  zwei  Fahre  als  Mindestzeit  der  Einkerkerung  von
            
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