Full text: Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

*j4 
gcbung" erzählt, besonders lehrreich. Auf den Stadtrat Zelle redete 
eiries Tages der Vorsteher eines Berliner Stadtbezirkes, der soeben 
bei seiner Fürbitte für die Weihnachtsbescherung armer Kinder 0on 
einem sehr wohlhabenden Manne abschlägig beschieden war, lebhaft 
und erregt ein. „Der Mann hat kein Herz," sagte mein Bezirks 
vorsteher, „aber cs soll ihm eingetränkt werden; die nächste Vor 
mundschaft kriegt kein anderer als er, mindestens sechs Kinder." 
Kein Herz •— und doch Vater- und Erziehersorgen für sechs arme 
verwaiste Kinder! 
Wir berufen für uneheliche, verwaiste, vaterlose und verlassene 
Kinder einen Vormund. Mit einer elterlichen Sorgfalt wollen diese 
Kinder körperlich und geistig abgewartet werden. Die Ernährung 
und Erziehung derselben erfordert vielfach beträchtliche Ausgaben. 
Womit sollen sie gedeckt werden? Soll der Vormund etwa, dem 
das Amt vielfach gegen seinen eigenen Wunsch und Willen auf 
gebürdet wurde, in die eigene Tasche greifen und Erziehungs- und 
Ernährungskosten für das vaterlose Kind auslegen. Ist die Ober 
vormundschaftsbehörde, das Amtsgericht, etwa mit großen Mitteln 
ausgerüstet worden, um dem vaterlosen Kinde die Wege zu seinem 
Fortkommen zu öffnen? Ist der Vormund ferner mit den erforder 
lichen geistigen und sittlichen Eigenschaften ausgestattet, um die 
schwierige pädagogische Aufgabe lösen zu können, ein armes, der 
Vaterliebe entbehrendes Kind in die richtigen Erzichungsbahnen 
zu leiten und es ein,er Zukunft zuzuführen, zu der es seine innere 
Begabung bestimmt hat? 
Mit Mühe und Not sind heute von den öffentlichen Gewalten 
die notwendigsten Kosten für die Erziehung der bevormundeten 
Kinder, für die sich keine alimcntationspflichtigen Väter verwenden, 
zu erlangen. Als Vormünder figurieren heute die ersten besten 
Kleinbürger mit sehr begrenztem geistigen Horizont. 
Alle diese sich uns von selbst aufdrängenden Fragen deuten 
schon auf die wirkliche Beschaffenheit, auf das eigentliche Wesen 
eines Instituts hin, das die Aufgaben der Vormundschaft erst richtig 
lösen kann. Die Vormundschaft muß in die Hände eines mit öffent 
lichen Mitteln ausgestatteten Instituts liegen, das von pädagogisch 
sachverständigen Männern und Frauen geleitet wird, und das durch 
eine ständige Verbindung mit tüchtigen, für die Kindererziehung 
und für die gewerbliche Schulung der heranwachsenden Jugend 
geeigneten Elementen erst wirklich geordnete Lebens- und Er 
ziehungsbedingungen für die vaterlosen Söhne und Töchter unseres 
Volkes schaffen kann. Ein derartiges soziales Institut hätte 
namentlich die Ansprüche der unehelichen Kinder, die sie an ihre 
Erzeuger richten können, zu vertreten. Und dieses Institut, das 
sich die Verfechtung der Ansprüche der unehelichen Kinder zu einer 
seiner Hauptaufgaben machen dürfte, würde auch in der Lage sein, 
stets die richtigen und die am schnellsten zum Ziele führenden Wege 
einzuschlagen, um den unehelichen Vater zur Zahlung der Unter-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.