Full text: Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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aber gerade so wie in dem ganzen Schulunterricht der Staat nicht 
nach Schuld oder Nichtschuld der Eltern fragt, sondern einen gewissen 
Unterricht erzwingt, ähnlich wird es auch bei der ganzen Erziehung 
sein müssen. Das sind freilich sehr schwierige, auch politisch nicht 
ganz leicht zu lösende Fragen, aber sie sind viel brennender, als 
die große Öffentlichkeit ahnt. In den drei Jahren, in denen ich 
jetzt manchmal ausschließlich solche Fragen bearbeitete, habe ich ein 
gesehen, daß die Schwierigkeiten im Bürgerlichen Gesetzbuch und 
seiner Auffassung selbst liegen, die den schwachen und unvernünftigen 
Eltern gegenüber gar keine Handhaben gibt." 
Die von uns geforderte Begründung eines öffcntlichen-recht- 
lichen Instituts der Berufsvormundschaft müßte in innigster Ver 
bindung mit der Organisation einer Inspektion über die Lebens- 
Verhältnisse der Kinder selbst stehen. Eine öffentlich-rechtliche Jn- 
spektionseinrichtung nach dem Muster der englischen „Gesellschaft zur 
Verhinderung der Grausamkeiten gegen Kinder" ließe sich Wohl 
leicht an die Lehrerkörperschaften der heutigen Volksschulen an 
schließen. 
Schon heute erfüllt der deutsche Lehrer das wichtige sozial 
politische Amt eines Uebcrwachers des Kinderschutzgesetzcs. Er vor 
allem kann in dem täglichen Verkehr mit den Schulkindern ferner 
Klasse die Verstöße gegen das Kinderschutzgesttz feststellen. Die 
Inspektion des Lehrers über die häuslichen Erziehungsverhältnisse 
der Kinder würde sich bequem an das schon bestehende sozialpolitische 
Ueberwachungsamt des Lehrers angliedern lassen. 
Die Schule ist in der Neuzeit in einen tiefgehenden sozialen 
Umwälzungsprozeß eingetreten: sie hat unter dem Einfluß der 
modernen Sozialpolitik einen ganz neuen sozialen und sozial 
hygienischen Aufgabenkreis erhalten. Der Arzt ist im Interesse der 
Gesundheit der Schulkinder in die Schule gerufen worden. Schüchtern 
regt sich bereits in der Schule die grundlegende Frage der zweck 
mäßigen Ernährung der Schulkinder auf öffentliche Kosten. 
Mit der Erweiterung des sozialhhgienischen und sozialpolitischen 
Wirkungskreises der Schule wird sich der Lehrer in einen Sozial 
pädagogen wandeln müssen. Der Lehrer dringt heute schon durch 
die Aufnahme der Semesterstatistik in die Familien- und Berufs 
verhältnisse der Eltern ihrer Schulkinder ein. Die häuslichen 
Lebensbedingungen der Kinder erschließen sich ihm sehr leicht im 
täglichen Umgang mit diesen Kindern. Jede tiefgehende Störung 
iin Leben der Kinder prägt sich sofort in den Schulleistungen der 
selben aus. Die Lehrer können daher leicht die Fälle feststellen, 
wo die Vormundschaftsbehörden oder andere staatliche und kom 
munale Institute mit öffentlichen Mitteln im Interesse der Er 
ziehung der von ihren Eltern vernachlässigten Kinder einzugreifen 
haben. Namentlich werden sie da mitzuraten und mitzutaten 
haben, wo den Eltern wegen drohender Verwahrlosung der Kinder 
das Erziehungsrecht zu nehmen ist, die Kinder zu bevormunden und
	        
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