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Dr. M. J. Bonn.
So sehr man sich auf seiten des Mutterlandes bemüht hat, die
Kosten der Landesverteidigung der Kolonien auf die Kolonien ab'
zuwälzen, so sehr hat man lange Zeit betont, daß die Flotte aus
schließlich Reichssache und damit Sache des Mutterlandes sei. Die
Kolonien sind ursprünglich für Zwecke des Mutterlandes begründet
worden. Der hauptsächlichste dieser Zwecke, der Handelsverkehr
zwischen Kolonie und Mutterland, ist im Wandel der Zeiten nicht
aufgegeben worden; seine Bedeutung ist mit der zunehmenden Be
deutung des Welthandels überhaupt im Wachsen. Die Versorgung
des Mutterlandes mit Waren, die Ausfuhr mutterländischer Waren
in alle Welt müßten durch eine Flotte geschützt werden, auch wenn
kein Kolonialreich zu verteidigen wäre. Wenn dadurch auch ein
Schutz der Kolonien erfolgt — insofern ja ein Teil des geschützten
Warenverkehrs aus ihnen stammt oder für sie bestimmt ist —, so
fällt ihnen damit ein Gewinn zu, der dem Mutterlande eigentlich
keine Kosten verursacht. Diese Auffassung ist zeitweilig berechtigt
gewesen. Man nahm an, daß eine weitschauende Politik, die die
Tochtervölker gegen äußere Feinde schütze und ihnen eine ruhige
innere Entwicklung verbürge, den politischen Zusammenhang eine
Zeitlang aufrechterhalten werde, daß aber schließlich aus den lose
verbundenen Tochtervölkern selbständige, dem Mutterlande wohl
gesinnte, aber unabhängige Staaten hervorgehen würden. — Diese
Auffassung ist irrig gewesen. Die zunehmende Demokratisierung
des Mutterlandes hat die gesellschaftliche Kluft zwischen Kolonien
und Mutterland verengert. Die modernen Verkehrsverhältnisse
und das moderne Nachrichtenwesen haben zu einer besseren Kennt
nis und zu größerem Verständnis auf beiden Seiten geführt. Die
innere Selbständigkeit der Kolonjien ist fast vollkommen. Es gibt
zwar an einzelnen Punkten Interessengegensätze, wie z. B. die Frage
der indischen Einwanderung in die Kolonien. Die sich wider
sprechenden Auffassungen von Mutterland und Kolonien haben indes
zu keinem Konflikt, sondern zu freundschaftlichen Aussprachen ge
führt. Vor allem aber hat sich die Stellung der Tochtervölker im
internationalen Leben geändert. Die kolonialen Demokratien haben
einst das gleiche Ziel verfolgt wie die Vereinigten Staaten von
Amerika zu Beginn ihres staatlichen Daseins. Sie hofften, alle
Kräfte der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung widmen zu
können, ohne daß die Rücksicht auf äußere Feinde sie zu kost