4. Das Jahr 1848.
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Der Gedanke des Zollvereins war nicht eines Marines Eigentum, er entstand
gleichzeitig in vielen Köpfen unter dem Drucke der Not des Vaterlandes; daß der
Gedanke Fleisch und Blut gewann, war allein Preußens Werk, war das Verdienst
von Eichhorn, Motz und Maaßen und nicht zuletzt das Verdienst des Königs. Nicht
die Anstandspflicht monarchischer Staatssitten, sondern die Pflicht historischer Ge
rechtigkeit nötigt zu dem Urteil, daß Friedrich Wilhelm der rechte Mann war für dies
unscheinbare und doch so folgenschwere Werk deutscher Geduld. Gleichmütig und
immer bei der Sache, pflichtgetreu und beharrlich, von einer Rechtschaffenheit, die
jedes Mißtrauen entwaffnete, stets bereit, dem bekehrten Gegner mit aufrichtigem
Wohlwollen entgegenzukommen, — so hat er nach und nach die Trümmer Deutsch
lands befreit aus den Banden eigener Torheit und ausländischer Ränke, den Weg
bereitend für größere Zeiten. Die Gegenwart aber soll nicht undankbarer sein als
Friedrich der Große war, der von dem glanzlos arbeitsamen Wirken seines Vaters
sagte: „On doit l’ombre du ebene qui nous couvre ä la vertu du gland qui l’a
produit.“
4. Das Jahr 1848.
Von Walter Lotz.
Lotz, Die Ideen der deutschen Handelspolitik von 1860 bis 1891. Leipzig, Duncker &
Humblot, 1892. S- 5—6.
Die moderne deutsche Entwicklung so ziemlich auf allen Gebieten ist nur zu
verstehen, wenn man mindestens bis zum Jahre 1848 zurückgeht. Das Jahr 1848
war der große Anmeldetermin für alle lang gehegten Wünsche und Beschwerden des
deutschen Volkes. Mit erneuter Lebhaftigkeit wurden auf politischem Gebiete die
Forderungen laut, welche seit den Befreiungskriegen Deutschland bewegten: das
Sehnen nach der deutschen Einheit und nach der Anteilnahme der Bürger an den
Staatsgeschäften. Aber auch aus wirtschaftlichem Gebiete gelangten mannigfache lang
vertagte Wünsche zur Äußerung. Man forderte nicht nur im engen Zusammenhange
mit der politischen Einheitsbewegung eine den politischen Idealen entsprechende Re
form der Zollvereinsverfassung: nein, auch die Vertreter der materiellen Berufs
interessen der verschiedensten Gesellschaftsschichten erwachen zum Selbstbewußtsein, sie
heischen von der Staatsgewalt Berücksichtigung ihrer besonderen Wünsche und Be
schwerden. Schon in der vormärzlichen Zeit hatte außer dem grundbesitzenden Adel
eine Klasse sich auf ihr wirtschaftliches Selbstbestimmungsrecht besonnen. Die Klasse
der Fabrikanten, geführt von dem talentvollsten Agitator der Zeit, von Friedrich
List, war zur Wahrnehmung ihrer Interessen bereits erzogen worden und hatte den
Weg der öffentlichen Propaganda mit Erfolg beschritten. Nunmehr, von 1848 an,
beginnen auch die übrigen Klassen der Nation, ihre Interessen gegenüber dem Be
amtentums selbst zu verfechten. Das Jahr 1848 ist es, in welchem die Handwerker,
die Bauern, ja bereits auch die Fabrikarbeiter ein Programm zu formulieren suchen.
Die Programme von 1848 bilden die Einleitung zu Bewegungen, die bis in die
jüngste Gegenwart reichen. Besonders für die Entwicklung des Kampfes zwischen
Schutzzoll und Freihandel im Zollvereine leitet das Jahr 1848 den Beginn einer
neuen Zeit ein, und zwar nicht bloß, weil 1848 die Schutzzöllner und die Freihändler
zum Gebrauche der Nationalversammlung in gesonderten Entwürfen ihre tarif
politischen Wünsche zum Ausdruck bringen, — diese Tarifentwürfe blieben zunächst,
so gut wie manches andere aus dem Jahre 1848, wertvolles Material —
vielmehr deshalb, weil das Jahr 1848 in zweierlei Hinsicht einen Wende
punkt in der Gedankenentwicklung der deutschen Handelspolitik bedeutet. Die beiden
Mollat, Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Aufl. 32