II. Die Haupttatsachen der älteren deutschen Agrargeschichte. 75
wird man vielleicht die Bauernaufstände des ausgehenden Mittelalters
geltend machen, die sich nachher in dem großen Bauernkrieg
der Jahre 1524/25 verdichten. Wir wollen demgegenüber
nicht in breitem Umfang die Frage erörtern, ob eine Revolution
stets nur die Folge einer gedrückten Lage der sich erhebenden
Gruppen ist oder ob sie nicht vielmehr oft auch Zeugnis von
deren gehobener Stellung ablegt oder zum mindesten noch eine
gewisse Kraft der Aufständischen voraussetzt. Anlässe und Gründe
zu Beschwerden auf der Seite der Bauern bestreiten wir
nicht. Indessen der Bauernkrieg ist ganz gewiß nicht geeignet,
einen kräftigen Beweis für die Ansicht zu liefern, daß ein Aufstand
nur die Folge einer sehr gedrückten Lage der Aufständischen
sein könne. Was den Anstoß zu den Bauernaufständen gegeben
hat, das war weit weniger eine objektiv schwere Last als die vexatorische
Art der Lasten und Forderungen. Es verdient ferner, wie
schon angedeutet, Beachtung, daß der Bauernkrieg nicht ganz
Deutschland ergreift, sondern nur begrenzte Gebiete, die klassischen
Landschaften der kleinern und kleinsten Territorien, diejenigen, in
denen die Landesherrschaft am meisten geneigt war, ihre Stellung
von privaten, nicht staatlichen Gesichtspunkten bestimmt sein
zu lassen, in denen sie auf Grund ihrer Gerichtsherrschaft mehr
als anderswo wirtschaftliche und zwar vielfach vexatorissche
Forderungen erhob. Wohl haben die Bauern die Neigung zur
Erhebung auch in Nachbargebieten bekundet, in denen eine
kräftige Gegenwirkung der Regierung,!) das kluge und energische
Urteile über die günstige Lage des Bauernstands an. Wenn er aber
von „der spätern gedrückten Lage der Bauern, die dagegen grell absticht“,
spricht, so ist eine solche, wie wir noch bemerken werden, in
Altdeutschland nicht vorhanden. Janssen macht Reformation und
Rezeption des römischen Rechts für eine wesentliche Verschlechterung
der Lage des Bauernsstands verantwortlich, die tatsächlich nicht eingetreten
ist. Zur Kritik einer Theorie Brentanos, die die Auffassung
Janssens in modifizierter Gestalt erneuert, s. mein „Territorium und
Stadt“ S. 48 ff. und S. 69 Anm. 1. Vgl. Gothein, Art. Agrargeschichte,
in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. I, S. 272.
1) Über Baiern vgl. mein „Territorium und Stadt“ S. 72: Brandi,
Göttingische Gel. Anzeiger 1901, S. 246.