mit bes. Rücksicht auf die Stadtwirtschaft des deutschen Mittelalters. 231
er unterliegt, weiter gegenwärtig zu halten, daß er in den einzelnen
Städten in sehr verschiedenem Maß verwirklicht sein kann.
Es ist berechnet worden!), daß im 15. Jahrhundert in einem
Mittelpunkt der flandrischen Textilindustrie wie Ypern 51,69/,
der gewerblichen Bevölkerung in der Textilindustrie Beschäftigung
fanden, in Frankturt a. M. dagegen nur 16%/,. Wir haben hier
den Gegensatz einer sich vom Typus der Stadtwirtschaft lösenden
Stadt, die auf den Fernabsatz sehr stark rechnet, und den einer
klassischen Vertretung der mittelalterlichen Stadtwirtschaft vor
uns. Andererseits kann die Einseitigkeit der industriellen Beschäftigung
bei einer Stadt der neuesten Zeit noch stärker ausgeprägt
sein als bei dem für das Mittelalter ungewöhnlich spezialisierenden
Ypern, wie wir denn auch positive Beziehungen zum mittelalterlichen
System in Ypern zu entdecken vermögen. Frankfurt
ferner unterscheidet sich mit seinem noch immer beträchtlichen
Bestand von Gewerbetreibenden der Textilindustrie dadurch
von der großen Mehrzahl der Städte der Gegenwart, daß in
ihnen ein solcher fehlt.
Doch diese Bemerkungen über die verschieden starke Verwirklichung
des Gedankens der Stadtwirtschaft führen uns zu
einem andern fruchtbaren Thema, der Frage der Ursachen der
mittelalterlichen Stadtwirtschaft. Indem wir sie zu ermitteln
suchen, erhalten wir indirekt neue Beiträge zur Kritik der Entwicklungstheorie
Büchers, erstens nämlich hinsichtlich des behaupteten
Zusammenhanges von Stadt- und Hauswirtschaft,
zweitens zur Beurteilung der Frage, ob sich in der Tat die
verschiedenen Perioden so ganz einfach nach der Länge des
Weges, den der Verkehr nimmt, sondern. Die Diskussion über
die Ursachen der Stadtwirtschaft wird, ohne daß wir es weiter
besonders hervorzuheben brauchen, zeigen, wie wenig die Formel
von dem Ursprung aus der Hauswirtschaft verwendbar ist.
Und in bezug auf jene Einteilung der Perioden wird sich ergeben,
daß, wenngleich die Kürze des Weges für das Zeitalter der
Stadtwirtschaft charakteristisch ist, die voraufgehende Periode sich
keineswegs überall durch einen noch kürzeren Weg auszeichnet.
1) Pirenne, V.j.schr. f. Soz.- u. W. G. Bd. 1 (1903), S. 27.