Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

236 IV. Über Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung der Völker,
Plätzen verkehrt haben. Weiter erwähnen wir den sehr bezeichnenden
 Fall des Wiener Stapelrechts. Nach dem Freibrief
von-.1192 trieben die Regensburger noch Handel durch Österreich,
unter ausdrücklicher Billigung des Landesherrn, nach Rußland;
der Handel nach Ungarn war ihnen zum mindesten nicht verboten.
Wenige Jahre darauf (spätestens 1221) aber erhielten die Wiener
von Leopold VI. ein Stadtrecht, das „eine Umwälzung im Verkehre
 veranlaßte "!). Der Handel aus Ökterreich nach Ungarn
wurde nun den Landeskindern vorbehalten und allen Fremden
bei Strafe untersagt. Der oberländische Kaufmann sollte fortan
mit seiner Fracht nur bis Wien gelangen dürfen, um Jie hier
binnen zwei Monaten an Wiener Bürger verkaufen zu können?).
Hier beobachten wir deutlich, wie das Stapelrecht nicht im
Einklang mit, sondern im Gegensat zu den bisherigen tatsächlichen
 Verhältnissen geschaffen wird. In ähnlicher Weise wie
für den großen Verkehr der Regensburger ließe sich für den der
Kölner nachweisen, daß er mehrfach in einer späteren Periode
im Gegensatze zu einer früheren durch die Mittel der Stadtwirtschaftspolitik
 eingeengt worden ist?). Um noch ein Beispiel
1) Luschin v. Ebengreuth, Die Handelspolitik der österreichischen
Herrscher im Mittelalter (Wien 1893) S. 10; derselbe ,bei Zimmermann
a. a. O. S. 412. Luschin weist aus den in Ungarn gemachten Münzfunden
 nach, daß die Maßregeln Leopolds VI. Erfolg hatten.
2) Was er in dieser Frist nicht veräußert haben würde, das war
dann gegen Bezahlung der vorgeschriebenen Ausfuhrgebühren auf
einer dem Verkehr geöffneten Straße wieder aus Wien zu entfernen.
3) Vgl. z. B. Luschin, Die Handelspolitik der österreichischen
Herrscher a. a. O.; Lau, Entwicklung der kommunalen Verfassung und
Verwaltung der Stadt Köln bis 1398, S. 217; Gothein, Westdeutsche
Zeitschr. 14, 248. Hinsichtlich des Verkehrs der Kölner den Rhein
hinab haben wir die Tatsache, daß im 12. Jahrhundert noch ein direkter
Schiffsverkehr derselben mit England bestand. Vom 10. bis ins 13.
Jahrhundert hinein scheint der eigene Schiffahrtsbetrieb der Kölner
viel bedeutender gewesen zu sein als in den späteren Jahrhunderten:
Worin liegt die Ursache dieser Veränderung? W. Stein, einer der
besten Kenner der Kölnischen Geschichte, äußert mir seine Meinung
dahin, daß außer dem Dordrechter Stapel hier das Aufkommen der
kleineren Rheinstädte, Duisburgs, Wesels, Emmerichs, Deventers,
Zwolles, Tiels, Arnheims, Zütphens usw. zu nennen wäre; diese
            
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