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Erster geschichtlicher Teil
seine Zahlenformeln sind falsch; und er stellt die sicher vorhandene
Vermehrungstendenz zu sehr als natürliche, absolute, stets vorhandene
hin, unterscheidet nicht genug die verschiedenen Wirtschaftszustände
und Möglichkeiten des Unterhalts und des Ausweges; er sieht, wie
viele seiner pessimistischen Anhänger, auch Zustände als Über-
völkerung an, die mehr Folge von schlechter Einrichtung der Pro-
duktion und Verteilung der Güter, von technischer Rückständigkeit,
als zu großer Menschenzahl sind“*). Für Schmoller handelt es
sich bei dem Bevölkerungsproblem vor allem immer nur um die
Frage, wie die Bevölkerung stets wieder in Einklang zu bringen sei
mit den wirtschaftlichen Lebensbedingungen und er hat in sehr
lesenswerten Darlegungen gezeigt, daß es dieser Frage gegenüber
keine ein für allemal gültige Lösung gibt, daß vielmehr das Ver-
hältnis von Volkszahl und Nahrungsspielraum im geschichtlichen
Entwicklungsprozeß der Völker immer wieder andere Formen an-
genommen hat und daß dementsprechend auch die Wünsche und
Ansichten über das Volkswachstum starken Schwankungen unter-
worfen gewesen sind.
Mit den bisherigen Darlegungen sollte kein erschöpfender Bei-
trag zur Geschichte der bevölkerungstheoretischen Anschauungen
zegeben werden. Es handelte sich lediglich darum, an einigen Bei-
spielen zu zeigen, daß die pessimistischen Anschauungen dem
Bevölkerungsproblem gegenüber in einer doppelten Form aufgetreten
sind. Einmal die eigentlich Malthus’sche Theorie, die für alle
Stufen der menschlichen Wirtschaft gelten soll und dann „der pro-
phetische Malthusianismus“ „Er unterscheidet sich aber“,
um mit Oppenheimer zu reden, „von der eigentlichen Malthus’-
schen Theorie dadurch, daß dieses Mißverhältnis nicht die Regel
jeder Wirtschaftsgemeinschaft sein, sondern erst in irgendeiner Zukunft
zintreten soll?) Es ist ohne weiteres klar, daß zwischen beiden
Auffassungen ein ganz wesentlicher Unterschied vorhanden ist. Zum
Teil haben die Vertreter des prophetischen Malthusianismus diesen
Gegensatz überhaupt nicht erkannt oder doch nicht voll gewürdigt,
zum Teil haben sie ihn — wie Schmoller — deutlich gesehen
und haben bewußt die Malthus’sche Lehre nach dieser Richtung
hin zu korrigieren versucht. Man hat schon frühzeitig nicht nur
anter den Gegnern des Malthus, sondern auch in den Kreisen
derjenigen, die im Volkswachstum eine nicht abzuleuenende Gefahr
') G.-Schmoller, Grundriß d. allgemeinen Volkswirtschaftslehre, 1900, 5. 175,
23) Oppenheimer, a. a. O., S. 164, 168,