Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 4.8
den Geist des Kapitalismus zu sehen!). Allein zunächst steht
dem entgegen, daß die Erscheinungen, die wir vorhin als Kennzeichen
 des Kapitalismus kennen gelernt haben, sich einstweilen
noch nicht einstellen oder zum mindesten noch keine irgendwie
beherrschende Rolle spielen. Sodann bleiben auch die besonderen
Einrichtungen, die die Ausbildung kapitalistischer Betriebe im
Mittelalter hinderten, die Zunftschranken, noch einige Jahrhunderte
 lang in wesentlicher Geltung. Sie erweisen sich gegenüber
den größern Betrieben, die seit dem Ausgang des Mittelalters
hervortreten, als die stärkern. Man wird ferner die seit dem
16. Jahrhundert begegnende Anschauung, welche das zinsbare
Darlehen für erlaubt erklärt, nicht mit einer Gegnerschaft gegen
die Zunftverfassung gleichseßzen dürfen. Mag diese in innerm
Zusammenhang mit dem Kern der kanonistischen Wirtschaftstheorie
 stehen, mag demgemäß mit deren Verwerfung die Axt
auch an die Wurzel der Zunftverfassung gelegt sein, jedenfalls
sind im Leben solche Konsequenzen vorerst nicht gezogen worden.
Es soll natürlich nicht bestritten werden, daß die mit dem
Reformationszeitalter eintretende Wandlung der Theorien und
Anschauungen über Zins. und Arbeit?) namhafte Bedeutung für
die tatsächliche Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse besitt.
 Sie äußerte ihren Einfluß ja auch schnell in der neuen Zinsgeseßgebung
 der Staaten. Es verhält sich nicht etwa so, daß die
1) Wie von katholischer Seite (Janssen) in dem ,Abfall von den
kanonistischen Grundsätßen“ der maßgebende Schritt zur kapitalistischen
Wirtschaftsweise gesehen wird, darüber vgl. Pesch, Lehrbuch der
Nationalökonomie III, S. 607. Über Sombarts Herleitung des
Kapitalismus aus dem Thomismus und dem mittelalterlichen Kirchentum
 s. m. Kritik seines „Bourgeois“ in den Jahrbüchern f. Natiozt
 s s! f. und die daselbst genannten Kritiken von Berna-2)
 Über diese Wandlung s. m. „Ursachen der Reformation“ S. 134ff.
Alfred Schulbe, Stadtgemeinde und Reformation (dazu H. Z. 119,
S. 531 f.). Zur Kritik von E. Tröltsch' „Soziallehren der christlichen
Kirche“ s. m. „Ursachen der Reformation“ S. 115 f., S. 175. Zu Hohoff,
War Luther in wirtschaftlichen Dingen rückständig? (V.j.schr. f. Soz.-u.
 W.G. 14, S. 349 ff.) s. ebenda S. 151 Anm. 1. G. v. Below, Die
Bedeutung der Reformation für die volitische-Entwicklung (1918).

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