Object : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

3.  Weltwirtschaft  und  Nationalerziehung.

443

glaube,  die  Wage  steht  ein!  Zieht  man  auf  der  Seite  der  reinen  Wissenschaft  alle
Arbeit  ab,  die  nicht  lediglich  um  der  Sache  selbst  willen  geschieht,  d.  h.  alles
Strebertum  und  alle  Eitelkeit  usw.,  so  ist  vieles  zu  streichen,  es  bleibt  aber  glücklicherweise ­
  auch  recht  vieles  übrig.  Genau  so  steht  es  aber  auch  auf  der  anderen  Seite.
Daß  der  Ingenieur  z.  B.  gelegentlich  eine  Riesenarbeit  unternimmt,  nicht  um  Geld  zu
verdienen,  sondern  weil  ihn  das  Problem  an  sich  lockt  und  nicht  mehr  freigibt,  bis  er
ihm  genug  getan  hat,  wird  oft  nicht  beachtet.  Oder  etwas  anderes!  Unter  den
Wissenschaften,  welche  bei  der  Entwickelung  unseres  kaufmännischen  Unterrichtswesens ­
  neu  zu  schaffen  sind,  befindet  sich  auch  die  Handelsbetriebslehre,
mit  deren  Schöpfung  augenblicklich  Theoretiker  und  Praktiker  des  Deutschen  Verbandes ­
  für  das  kaufmännische  Unterrichtswesen  in  gemeinsamer  Arbeit  beschäftigt
sind.  Schon  die  Definition  dieser  Wissenschaft,  welche  Böhmert  in  Dresden,  der
unermüdliche  und  selbstlose  Vorkämpfer  des  Volkswohles,  gegeben  hat,  ist  bezeichnend:
„Sie  ist  der  Inbegriff  von  Lehren  und  Regeln,  welche  für  den  guten  und  zweckmäßigen ­
  Betrieb  von  Handelsgeschäften  maßgebend  sind;  sie  hat  die  Grundsätze
der  Wirtschaftslehre  auf  den  kaufmännischen  Betrieb  anzuwenden  und  die  Mittel  und
Wege  zu  erörtern,  um  dem  Kaufmann  und  Großindustriellen  zu  einem  redlichen
Privatgewinn  oder  Einkommen  zu  verhelfen,  ohne  die  Interessen  des  Gemeinwohles
zu  schädigen."  Dazu  mag  noch  bemerkt  werden,  daß  die  Stellung  der  Handelsbetriebslehre ­
  zur  Ethik  mit  ganz  besonderer  Sorgfalt  untersucht  und  bestimmt  wird,
wobei  als  selbstverständlicher  Grundsatz  gilt,  daß  die  Ethik  für  den  Kaufmann  keine
andere  ist  als  für  jeden  anderen  Menschen  ss.  oben  S.  61  f.s.  Darf  ich  aus  meinen
eigenen  Erfahrungen  noch  etwas  hinzufügen,  so  möchte  ich  betonen,  daß  ich  nirgends
so  viel  Idealismus  gefunden  habe,  wie  in  dem  Kreise  des  Deutschen  Verbandes  für
das  kaufmännische  Unterrichtswesen,  —  gerade  die  gemeinsame  Arbeit  in  diesem
Kreise  wird  mir  persönlich  stets  eine  wertvolle  und  hoffnungsvolle  Erinnerung  bleiben.
Und  der  Kunst  gegenüber,  natürlich  der  echten  und  großen,  der  höchsten  Form
menschlichen  Geisteslebens,  wie  stellt  sich  da  die  Teilnahme  der  verschiedenen  Berufe?
Ich  glaube,  hier  gilt  noch  in  weitem  Umfange  das  Wort  Goethes:  „Wir  Deutschen
sind  von  gestern!  Wir  haben  zwar  seit  einem  Jahrhundert  ganz  tüchtig  kultiviert,
allein  es  können  noch  ein  paar  Jahrhunderte  hingehen,  ehe  bei  unseren  Landsleuten
so  viel  Geist  und  höhere  Kultur  eindringe  und  allgemein  werde,  daß  sie  gleich  den
Griechen  der  Schönheit  huldigen,  daß  sie  sich  für  ein  hübsches  Lied  begeistern,  und  daß
man  von  ihnen  wird  sagen  können,  es  sei  lange  her,  daß  sie  Barbaren  gewesen."
Sollte  aber  jemand  auf  der  Seite  der  Vertreter  des  Wirtschaftslebens  in  alledem
eine  ungünstigere  Bilanz  finden,  so  würde  zu  bemerken  sein,  daß  da,  wo  die  Berührung ­
  mit  der  Materie  am  engsten  ist,  auch  die  Gefahr,  ihrem  Einflüsse  zu  verfallen, ­
  am  größten  ist,  und  daß  man  bei  der  Beurteilung  der  Menschen  stets  nicht
bloß  zählen,  sondern  auch  wägen  soll.
Und  dann  bedenke  man  dabei  noch  eins,  im  besonderen  Hinblick  auf  unsere
deutschen  Verhältnisse!  Unsere  deutschen  Techniker  und  Kaufleute  haben  uns  in  harter
Arbeit  die  Stellung  auf  dem  Weltmärkte  geschaffen,  auf  die  wir  so  stolz  sind.  Und
von  welcher  Grundlage  aus!  Man  vergleiche  das  Deutschland  des  Wiener  Kongresses
mit  dem  neuen  Reiche!  Die  Zeit  der  härtesten  Arbeit,  die  unseren  Pionieren  keine
Muße  zur  Selbstbesinnung  gelassen  hat,  ist  bereits  vorüber,  die  Arbeit  für  die
Zukunft  kann  sich  jetzt  bereits  auf  die  Vergangenheit  stützen.  In  dieser  Zukunft  wird
der  Grundsatz  „Ricliesse  oblige“  immer  weitere  Anwendung  finden  und  im  besonderen ­
  wird  die  englische  Einrichtung  der  junior-partners  sicher  auch  in  unserer
Wirtschaftswelt  mehr  und  mehr  um  sich  greifen,  wonach  der  Kaufmann  und  der
Industrielle,  der  es  vorwärts  gebracht  hat,  die  tägliche  Arbeit  seines  Betriebes  auf
jüngere  Schultern  legt,  um  selbst  mit  seinem  reichen  Wissen  und  Können  und  seinem
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.