36 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
Wie die mittelalterlichen Städte schon naturgemäß ihre Aus- und Einfuhr als
ein Ganzes angesehen hatten, so geschah dasselbe nun für die Territorien und Sigaten.
Es war ein großer Fortschritt in der praktischen Verwaltung und in der theoretischen
Erkenntnis, daß man versuchte, sich ein einheitliches Bild von der Aus- und Einfuhr
ganzer Länder zu machen, daß man feststellen wollte, ob man mehr aus- oder einführe,
W man durch Mehrausfuhr ein Plus von Edelmetall gewinne. Und daß man den
Staat dabei als in einem feindlichen Spannungsverhältnis zu anderen Ländern begriffen
dachte, war natürlich. In dem schweren Kampfe um die Kolonien, um die Grenzen,
um die Absatzgebiete standen sich die neugebildeten Staaten Jahrhunderte lang feindlich
zegenüber; die wichtigsten derselben waren fast häufiger in Handels- und Kolonialkrieg
miteinander begriffen als in Frieden; die kleineren und schwächeren wurden unbarmherzig
wirtschaftlich von den größeren und stärkeren mißhandelt und ausgebeutet oder fürchteten,
es zu werden. Was Wunder, wenn die Frage in den Vordergrund rückte, was gewinnen
oder verlieren wir bei der Berührung mit dem anderen Staate? Verri drückt die
Wahrheit für einen großen Teil der damaligen internationalen Beziehungen aus, wenn
er sagt: „Jeder Vorteil eines Volkes im Handel bringt einem anderen Volke Schaden,
das Studium des Handels ist ein wahrer Krieg.“ Nur wenn man durch Kriege, Kolonial—
rwerbung und besonders durch kluge Verträge neue Märkte gewonnen, durch Sperren und
Schutzmaßregeln den eigenen Absatz erweitert, durch Berechnung der Bilanz konstatiert hatte,
daß man mehr aus- als einführe, was besonders in günstigen Jahren und bei rasch
emporblühender Industrie zutraf, glaubte man sich gegen die Gefahr der Ubervorteilung,
der Verarmung gesichert. Jedenfalls bewies eine waächsende Ausfuhr in der Regel, daß
das Ausland der Waren des Inlandes dringender bedürfe als umgekehrt, jedenfalls
zerband sich mit der genauen Beobachtung der Aus- und Einfuhr häufig die richtige
Pflege des inländischen Verkehrs und der inländischen Industrie. Und wenn also nicht
alle Sätze richtig waren, die man an die Bilanzlehre anknüpfte, wenn die Erwartungen,
durch Zollmaßregeln die Geldmenge im Lande steigern zu können, übertrieben waren,
die Beobachtung der Aus- und Einfuhr war ein Instrument des volkswirtschaftlichen
Fortschrittes; die durch Zollgrenzen erfolgende Abschließung des Landes entsprach der
Beförderung eines freien inneren Verkehrs. Die Auffassung, die Staatsgewalt habe die
Pflicht, die Volkswirtschaft des Landes als ein Ganzes in ihren Interessen zu fördern,
in den internationalen Rivalitätskämpfen zu stützen und zu vertreten, entsprach durch—
aus den Verhältnissen. Die Regierungen, welche rasch, selbstbewußt und kühn die Macht
ihrer Flotten und Heere, den Apparat ihrer Zoll- und Schiffahrtsgesetze in den Dienst
der staatlichen Wirtschaftsinteressen zu stellen verstanden, erreichten damit den Vor—
prung im handelspolitischen Kampfe, in Reichtum und industrieller Blüte; und wenn
die Regierungen jener Tage oft zu weit gingen, von halbwahren theoretischen Sätzen
sich leiten ließen, wenn Holland, England uͤnd Frankreich ebenso durch Gewalt und
Kolonialausbeutung wie durch eigene innere Arbeit Reichtümer sammelten, so gaben sie
doch durch ihre volkswirtschaftliche Politik dem inneren wirtschaftlichen Leben der betreffenden
Nation die notwendige Unterlage der Macht, der wirtschaftlichen Bewegung der Zeit
den rechten Schwung, dem nationalen Streben große Ziele. Die merkantilistischen Ideale
varen so für jene Jahrhunderte ein nicht nur berechtigtes, sondern das einzig richtige
Ziel. Ganz ist die Berechtigung solcher Ziele auch heuͤte noch nicht verschwunden, obwohl
das Völkerrecht und der Welthandel die internalionalen Beziehungen so viel friedlicher
gestaltet haben.
Die Schriften der verschiedenen europäischen Nationen, welche an dieser geistigen
Bewegung teil genommen haben, unterscheiden sich hauptsächlich dadurch, daß sie je nach
der Lage und den nationalen Gesamtinteressen verschiedene staatliche Verwaltungs—
naßregeln empfehlen. In Holland rühmt man staatliche Admiralitäten, große mono—
polisierte Handelsgesellschaften und alle die Maßregeln, die Amsterdam zum Mittelpunkte
des Welthandels machen. Außerhalb Hollands empfiehlt man allgemein die Nachahmung
dieses kleinen, rührigen Handelsvolkes, aber man dringt in England in erster Linie auf
nationale Schiffahrtsgesete, die gegen Holland gerichiet sind, anf Pflege der Seefischerei.