Erhaltung und Unverfälschtheit des Textes 8
Lesarten oder Varianten, die von den Textzeugen ange-
geben werden. Der vorliegende Text selbst kann weitere
sprachliche oder inhaltliche Anstöße bereiten, die unsere
Aufmerksamkeit auf offenbare oder wahrscheinliche oder
mögliche Fehler der Textüberlieferung hinlenken.
Die Aufgabe der textkritischen Untersuchung ist es
also, den sicher überlieferten Text festzustellen, zwischen
den Varianten die bessere Lesart zu wählen, die vorhan-
denen Fehler und ihre Quellen zu erkennen und soweit
als möglich diese Fehler zu berichtigen.
9. Wo ein Text von allen Zeugen überein-
stimmend überliefert ist, haben wir ihn als richtig
anzuerkennen, wenn nicht schwerwiegende Gründe‘ die An-
nahme eines Fehlers der Überlieferung nahelegen. Doch
selbst in solchen Fällen, die jedesmal erst zu beweisen
sind, sollte die subjektive Verbesserung des Fehlers nicht
ohne weiteres an die Stelle des überlieferten Textes ge-
setzt, sondern stets als neue Zutat gekennzeichnet werden,
woferne es sich nicht um bloße Schreibfehler oder kleine
orthographische Verstöße handelt. Sonst mag es freilich
recht wohl geschehen, „daß man von der modernsten Aus-
gabe eines Autors unwillig oder enttäuscht zu einer alten
zurückgeht und die überlieferten Korruptelen schmackhafter
findet als die neuen Konjekturen“*).
3. Wenn verschiedene Lesarten vorliegen, ist die
bessere zu wählen. Die Entscheidung darüber wird zuerst
wieder auf die größere oder geringere Autorität der Text-
zeugen Rücksicht nehmen müssen. Die Lesart der älteren
und glaubwürdigeren Zeugen hat in der Regel vor den
übrigen den Vorzug. Doch können innere Gründe eine
weniger gut bezeugte Variante als die bessere und ange-
messenere Lesart erscheinen lassen. Bestimmte einheitliche
Regeln lassen sich für diese Wahl nicht aufstellen, da in
jedem einzelnen Falle. die verschiedenen Umstände und
Verhältnisse zu berücksichtigen sind, von denen die Ent-
scheidung beeinflußt wird.
71) Fr. Blass in: Handbuch d. klass. Altert, 1* 171.
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