88 Otto Keinath:
Auch über diese örtlich ausgleichende Wirkung hinaus führt
der Großhandel eine zeitlich gleichmäßige Verteilung der Güter
herbei. Der Handel muß nach seinem Wesen bestrebt und in der Lage
sein, erst später eintretenden Bedürfnissen (z. B. Saisonware
oder die Zeit vor der Ernte usw.) schon im voraus Re chnung zu
tragen, indem er für die rechtzeitige Herbeischaffung
und Lagerung von Gütern Sorge trägt, um mit ihnen im Augenblick
des eintretenden Bedarfes auf den Markt zu kommen.
Es liegt auf der Hand, daß erst der Großhandel mit einer solchen
Erleichterung und Ausgleichung des Warenabsatzes eine St etigkeitund
Steigerungder Produktion schafft, indem er dem
Produzenten, der bei örtlicher oder zeitlicher Überproduktion keinen
oder nur unlohnenden Absatz für seine Ware finden würde, die Ware
abnimmt, um die beste räumliche und zeitliche Verteilung der Güter
herbeizuführen. Erst hierdurch wird der Produzent in die Lage versetzt,
sich voll und ganz mit den wichtigen ProblemenderProduktion
zu beschäftigen, da der Handel den Produzenten unabhängig
von lokalen und zeitlichen Zufälligkeiten des Absatzes macht.
Der Großhandel fördert also durch Herbeiführung eines kon -
tinuierlichen Absatzes die bestehenden Produktionsunternehmungen
und gibt überdies durch Vermittlung des mannigfaltigen,
in den verschiedenen Absatzgebieten andersartigen Bedürfnisses der
Konsumenten den Produzenten die Anregung zu neuen Variationen
der Produktion und damit zu neuen Verdienstmöglichkeiten
(z. B, auf dem Gebiete der Modewaren). Er bestimmt daher auch bis
zu einem gewissen Grade die Richtung der Produktion,
Wenn demnach der Handel auf der einen Seite dem Produzenten
— sei es dem industriellen Produzenten oder sei es dem landwirtschaftlichen
Erzeuger (z. B. dem von Kaffee, Getreide, Baumwolle) — die
Sorge um die Verwertung seiner Produkte abnimmt und
diese weitestgehend unabhängig macht von dem lokalen Bedarf und
den örtlichen Preisschwankungen — die Weltkonjunkturschwankungen
liegen auf einem anderen Gebiete —, so macht er andererseits den
Abnehmer (weiterverarbeitende Industrie oder Kleinhandel) un -
abhängig von den zufälligen Produktionsmöglichkeiten
in seiner näheren Umgebung und nimmt ihm die Mühe ab,
geeignete, aber oft weit entfernte Produzenten aufzusuchen, Er enthebt
Lieferant und Abnehmer der Sorge für den Absatz und das jederzeitige
Vorhandensein der jeweils verlangten und notwendigen Ware.
Diese Kardinalaufgaben, welche der Handel erfüllt und welche
speziell dazu beigetragen haben, daß der Großhandel ein nützliches
und nicht entbehrliches Glied der Volkswirtschaft geworden ist, dessen