Reichsverfassung und Wirtschaft, 123
sprechen will, kommt die im Volke nach dem Zusammenbruch herr-
schende Unklarheit und Gegensätzlichkeit deutlich zum Wort, Man
glaubt verschiedene Stimmen zu hören, Freilich dringt eine Stimme
am stärksten durch,
Die Wahlen zur Nationalversammlung hatten für keine Partei eine
Mehrheit ergeben. Keine Partei konnte sich also uneingeschränkt durch-
setzen, In der parlamentarischen Demokratie nach westlichem Muster
hatte sich für die Weimarer Koalition aus Mehrheitssozialdemokratie,
Zentrum und Demokratie ein gemeinsamer Boden für die Neugestaltung
des Staatswesens geboten. Wenngleich die Demokraten durchaus
nicht mehr die alten Liberalen Eugen Richterscher Observanz waren,
sondern unter dem Einflusse Naumanns in das soziale Fahrwasser ein-
gelenkt hatten und das Zentrum stark unter dem Einflusse seines
gewerkschaftlichen Flügels stand, der Gegensatz zur Sozialdemokratie
bestand doch fort, Für die Wirtschaft fehlte ein gemeinsamer Boden,
Übergehen aber wollte man dieses Gebiet nicht. Gerade auf ihm sollte
sich ja der „neue‘ Geist, dem die Revolution vermeintlich die Bahn frei
gemacht hatte, besonders betätigen. Es handelte sich darum, welche
Wirtschaftsauffassung den Grundton angeben, welche sich mit bloßen
Konzessionen zu begnügen haben würde, Der Sozialdemokratie hätte
auch dann die letztere Rolle zufallen müssen, wenn hier ihre Koalitions-
parteien nicht vermöge der Unterstützung durch die Rechte das Über-
gewicht gehabt hätten. Denn ein bestimmtes, auf die Gegenwart an-
wendbares Programm fehlte ihr und mußte ihr fehlen. Gemäß ihrer
wissenschaftlichen Auffassung, nach der die wirtschaftliche Entwick-
lung in ihrem zwangläufigen Gang sich selbst die Formen für ihre Be-
tätigung bilden muß, hatte sie die Gestaltung der Zukunft getrost der
Entwicklung selbst überlassen. Sie war nie eine Produktionslehre,
sondern nur eine Lehre von der das Proletariat erwartenden reichen
Erbschaft und deren Verteilung gewesen, Sie hatte der Arbeiterschaft
immer nur einen leeren Rahmen hinhalten können, der die Umschrift
trug: Erlösung von der Arbeitsqual, Muße und Freude, dessen Aus-
füllung aber der Phantasie des Beschauers überblieb. Jetzt, wo sie
zum Handeln berufen war, hatte sie sich als völlig bar jeder positiven
gestaltenden Kraft erwiesen. Schon ihre eigene Unfähigkeit verhinderte
ihre Lehre, die Verfassung zu durchdringen. Die Verfassung konnte
sich nur auf den Boden der geltenden Wirtschaftsordnung stellen. Aber
wenn dem Sozialismus die Gegenwart wie bisher nicht Erfüllung, son-
dern nur die Brücke zu einer heute noch nicht erkennbaren Erfüllung
bleiben mußte, so suchte die Verfassung diese Brücke auch nicht abzu-
brechen, Auch der auf die Zukunft hoffende Sozialist kann sich mit den
Worten der Verfassung abfinden.