Wirtschaft und Reparationspolitik. 143
Frankreich genährte rheinische Separatistenbewegung mit daran
gescheitert ist, daß sich die Rentenmark stabil erwies, während der
französische und belgische Franken ins Rutschen kamen.
Eine Lösung der Reparationsprobleme ist auf der Londoner Kon-
ferenz im Juli und August 1924 nicht erreicht worden. Dazu ließ es
die machtpolitische Einstellung Frankreichs nicht kommen. Die Rolle,
die Poincar& € bei der Vorbereitung dieser Konferenz, nämlich bei den
Frühjahrsverhandlungen der Reparationssachverständigen in Paris,
gespielt hatte, übernahm im Sommer sein Nachfolger Herriot. Die
Befreiung des Ruhrgebiets, auf die die deutsche Reparationspolitik hin-
drängte, ist nicht sofort erzielt worden. Die Verbündeten Frankreichs
leisteten dem schlauen Gedanken der französischen Diplomatie Vor-
schub, die auf eine Spaltung des Begriffs „Befreiung der Ruhr” hin-
arbeiteten, So kam es zur sogenannten „wirtschaftlichen Räumung‘,
während man die militärische Besetzung noch ein Jahr beibehielt.
Zweifellos brachte schon die „wirtschaftliche Räumung‘ für Handel
und Wandel manche Erleichterung, Die Einheit des Wirtschaftsgebiets und
die Hoheit des Reichs wurde durch Beseitigung der Ruhrzollinie, durch
Wiedereinsetzung der deutschen Zollbeamten an der Westgrenze, durch
Rückgabe der Regiebahnen, nicht zuletzt durch Wiedereinsetzung der
großenteils ausgewiesenen und verurteilten Reichs-, Staats- und Kom-
munalbeamten wiederhergestellt. Die Steuern und Abgaben fließen
wieder Reich, Ländern und Kommunen zu. Die unerhörte Sonder-
belastung der Micum fiel weg. Die Gewährung einer internationalen
Anleihe in Höhe von 800 Millionen Goldmark für die neue Goldnoten-
bank des Reiches kommt der F estigung unserer Währung zugute.
Indes kehrten die deutschen Minister von der Londoner Konferenz
mit einem heiteren und mit einem nassen Auge zurück, Die Ruhr ist
seitdem zwar geräumt — die bittere Pille aber, die das deutsche Volk
nach dem Dawesplan zu schlucken hatte, liegt ihm schwer im Magen.
Denn an den Jahresleistungen in Höhe von 1 bis 2% Milliarden Gold-
mark hat sich nichts geändert, Innerhalb der ersten fünf Jahre sollen
auf diese Weise 7,67 Milliarden, und im zweiten Jahrfünft sogar
12,5 Milliarden aus dem deutschen Volke herausgezogen werden. Das
sind ganz erhebliche Teile des Volkseinkommens. Stellt man die
Jahreslasten gar in Vergleich zu den Werten der Ausfuhr, so kommt
man bei Annahme baldiger Wiedererreichung des Friedensexports auf
25 v.H, Zweifellos droht somit der Handels- und Zahlungsbilanz und
deshalb der Valuta eine große Gefahr. Wir haben in London keinerlei
Gewähr dafür erhalten, daß unter allen Umständen die Tragfähigkeit
unserer Zahlungsbilanz und unserer Valuta geschont wird; es kommt
im wesentlichen auf die Persönlichkeiten des Transferkomitees an, das