Wirtschaftliches Organisationswesen, 157
dieser Kampf auf der ganzen Linie mit der nötigen Rücksicht auf die
entgegenstehenden Interessen des Zwischenhandels, der letzten Ver-
braucher und auch der industriellen Abnehmer selbst geführt worden
wäre, was nach dem einsichtigen Urteil erfahrener Verbandsleiter
keineswegs der Fall war, selbst wenn also nicht starke monopolistische
Überspannungen den Markt beunruhigt hätten, konnte das Ziel nur
dem Grunde, nicht seiner Durchführung nach als richtig anerkannt
werden, Denn die Art und Weise, wie vielfach mit völliger Einseitig-
keit die Konditionen überspannt wurden, zerstörte nicht nur die Kapi-
talkraft breiterer Abnehmerschichten, unterhöhlte einen gesunden
Kreditverkehr und führte zu wirtschaftlich und sozial ungesunder
Kapitalakkumulation, sondern bewirkte im Endeffekt auch eine emp-
findliche Preissteigerung in Verbindung mit künstlicher Warenknapp-
heit, und das in einer Zeit, die ohnehin mit sozialem Gärungsstoffe
überladen war, Die führende Spitze der deutschen Undustrie, der
„Reichsverband‘, insbesondere seine „Kartellstelle’, hat mit be-
merkenswerter Energie den Kampf gegen diese Auswüchse der glück-
licherweise verflossenen Kartellperiode aufgenommen. Sie hat auch
zweifellos verhindert, daß die scharfe öffentliche Kritik sich in einer
organisationsfeindlichen Gesetzgebung entlud, sie hat aber nicht ver-
hindern können, daß der Staat sich grundsätzlich zu einer Kontrolle des
wirtschaftlichen Organisationswesens bekehrte, und damit einem
Wunsche entsprach, den schon vor 1914 weite Kreise sowohl der Wirt-
schaft selbst, auch der industriellen, wie Wirtschafts- und Rechts-
wissenschaft geäußert hatten.
Man erschöpft aber die Gründe, die zu dieser aktiven Politik des
Staates geführt haben und unsere sicherlich nicht organisationsfeind-
liche oder auch nur bedrückende „Verordnung gegen Mißbrauch wirt-
schaftlicher Machtstellungen‘“ vom 2, November 1923 zeitigten, nicht
hinreichend, wenn man hierin lediglich eine Reaktion auf Verfehlungen
der inflationistischen Kartellpolitik erblicken wollte. Jene Sünden
haben vielmehr lediglich die Aufmerksamkeit in besonderem Maße auf
dieses Wirtschaftsproblem gelenkt und gleichzeitig den Blick für die
Schwächen jener Organisationspolitik kritisch geschärft.
Wie bereits erwähnt wurde, haben führende Industriekreise selbst
sofort nach dem Kriege die Eignung unserer bisherigen Kartellierung
für die gewaltigen Aufgaben unseres wirtschaftlichen Wiederaufbaues
bezweifelt, Worum es sich hierbei drehte, habe ich bereits in der
erwähnten Schrift von 1921 zu begründen versucht, der ich mit voller
Absicht den Titel „Zur Reform der Industriekartelle‘‘ gegeben habe.
Es seien hier nur die volkswirtschaftlich wichtigsten Grundfragen kurz
berührt,