Kap. I.
Die Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.
227
an Fleiß, Mäßigkeit und Intelligenz zuzuschreiben seien. Dieser Glaube
welcher das Gefühl der Verantwortlichkeit beruhigt und zugleich durch
die Vorspiegelung einer Überlegenheit schmeichelt, ist wahrscheinlich
in Ländern wie die vereinigten Staaten, wo alle Menschen politisch
gleich sind, und wo infolge der Neuheit der Gesellschaft die Scheidung
in Klassen mehr die einzelnen als ganze Familien betraf, noch verbreiteter
als in älteren Ländern, wo die Trennungslinien länger und schärfer
gezogen sind. Ls ist nur natürlich, wenn diejenigen, welche ihre besseren
Verhältnisse auf die größere Betriebsamkeit und Genügsamkeit, die
ihnen einen Vorteil gab, und auf die höhere Intelligenz zurückführen
können, die sie in den Stand setzte, jeden Vorteil zu benutzen*), sich ein
bilden, daß diejenigen, welche arm bleiben, dies nur dem Mangel dieser
Eigenschaften beizumessen habeü.
wer jedoch die Gesetze der Güterverteilung, wie sie in den vorher
gehenden Kapiteln entwickelt wurden, erfaßt hat, wird den Irrtum dieser
Ansicht einsehen. Derselbe ist ähnlich demjenigen, welcher in der Be
hauptung liegen würde, daß jeder bei einem lvettlauf Beteiligte gewinnen
müsse. Daß einer gewinnen muß, ist richtig; daß jeder gewinnen
könne, ist unmöglich.
Denn sobald der Grund und Boden wert erlangt, so hängt der
Arbeitslohn, wie wir gesehen haben, nicht von dem wirklichen Ertrage
oder Produkte der Arbeit ab, sondern von dem, was der Arbeit bleibt,
nachdem die Grundrente vorweg genommen ist; sobald der Grund und
Boden vollständig monopolisiert ist, wie es außer in den neuesten Ländern
überall der Fall, muß die Rente den Lohn auf den Punkt drücken, bei
welchem die ärmste Klasse gerade noch zu leben und sich fortzupflanzen
imstande ist, und so wird der Lohn durch das Normalmaß des Auskommens
(stanclarck ot comtort), d. h. durch die Summe der notwendigen und
gewohnheitsmäßigen Bedürfnisse, welche die arbeitenden Klassen als
das wenigste beanspruchen, um sich nsch fortzupflanzen, auf ein Minimum
festgestellt. Daher können Fleiß, Geschick, Genügsamkeit und Intelligenz
dem einzelnen nur so weit von Nutzen sein, als sie sich über das all
gemeine Niveau erheben — gerade wie in einem lvettlauf die Schnellig
keit dem Laufenden nur insoweit nutzt, als sie diejenige seiner Mitbewerber
übertrifft. Arbeitet ein Mann mehr oder mit höherem Geschick und
verstand als gewöhnlich, so wird er vorankommen; erhebt sich aber der
Durchschnitt des Fleißes, der Geschicklichkeit und Intelligenz auf denselben
Punkt, so wird das erhöhte Leistungsvermögen der Arbeit nur den
früheren Lohnsatz erzielen, und wer vorankommen will, muß dann noch
härter arbeiten.
Lin einzelner mag von seinem Lohn Geld ersparen, wenn er so
*) Um nichts von der größeren Gewissenlosigkeit zu sagen, die oft die entscheidende
Eigenschaft ist, welche einen Millionär aus jemandem macht, der sonst ein armer Teufel
geblieben wäre.
\5*