Die Gesundung der Währung in Deutschland, 285
Zinssätze stiegen ins Phantastische, weil sich in ihnen neben dem
eigentlichen Zins hauptsächlich die Risikoprämien der Geldentwertung
ausdrückten. Auf Papiermark lautende Kreditverträge für längere
Fristen wurden zur Unmöglichkeit. Sogar der Überweisungsverkehr
geriet ins Stocken, weil die kurze Zeit zwischen Erteilung und Ausführung
des Überweisungsauftrages schon ein zu schweres Entwertungsrisiko
in sich barg. Die Kapitalbildung hörte mangels wertbeständiger
Anlagemöglichkeiten in Inlandswerten schließlich ganz auf. Die Betriebskapitalien
der Wirtschaft zerflossen in der Markentwertung oder
wurden in Sachwerten festgelegt, und zwar zum sehr großen Teil in
volkswirtschaftlich unerwünschter Weise. Soweit die Gelder Anlage
in ausländischen Werten suchten, wurde dadurch der an sich schon
geringe Vorrat an Devisen noch verknappt und die Gesamtsituation
verschärft. Den Produzenten und Händlern wurden die Waren aus
den Händen gerissen, was natürlich letzten Endes auf Kosten der
Qualität der Waren ging. Die vielbesprochene Scheinkonjunktur
entstand, begünstigt durch den Aufkauf von Waren durch Ausländer.
Die Reichs- und Staatsfinanzen verschlechterten sich zusehends, zumal
die Unterstützung des Rhein- und Ruhrgebiets wachsende Aufwendungen
erforderte. Die Steuern und sonstigen Einnahmen schmolzen
im Werte dahin, da sie von der Ausschreibung bis zur Erhebung sich
immer rascher entwerteten. Verträge, die in Mark abgeschlossen
waren, erheischten immerwährende Revisionen. Das stets neu erforderliche
Umrechnen der Ziffern auf schwankender Währungsgrundlage
verursachte gewaltige Mehrkosten in der Volkswirtschaft, Vernunft
wurde Unsinn, wenn alte Goldschulden in entwertetem Papiergeld ohne
Erhöhung der Summen zurückgezahlt werden durften, Rechtsstreitigkeiten
und insbesondere Lohnkämpfe mit kräfteverzehrenden Streiks
nahmen kein Ende. In die ganze Wirtschaft wurde ein unheilvolles
Moment der Spekulation getragen. Bevölkerungskreise, die früher
nichts von Aktien gewußt hatten, beschäftigten sich mit Börsenspekulation.
Das Streben nach mühelosen Gewinnen durch Spekulation
wurde immer allgemeiner, Die soliden Arbeiter aller Art sowie vor
allem die Rentner, die sich von Spekulationen fernhielten, verarmten,
Eine ungeheuere Verschiebung in den Wohlstandsverhältnissen innerhalb
der Bevölkerung trat ein: Luxuskonsum auf der einen, soziales
Elend auf der anderen Seite! Die Begriffe für Recht und Unrecht in
wirtschaftlichen Dingen, Treu und Glauben im geschäftlichen Verkehr
und die ganze öffentliche Moral wurden schwer erschüttert. So drohte
die Währungsanarchie nicht nur die Wirtschaft lahmzulegen, sondern
das ganze Staatswesen in eine unübersehbare Katastrophe hineinzutreiben.