Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn, 389
des Bahnunternehmens mit den weiteren Folgen für die Tarif-
bildung zukommt, ist an das deutsche Kapital, insbesondere die
deutsche Wirtschaft, soweit sie nur über Mittel verfügt, die dringende
Mahnung zu richten, mit Vertrauen diesen Werten sich zuzuwenden
und dadurch die Reichsbahn zu unterstützen.
Noch einige Bemerkungen zu den Einnahmeposten. Der
Personenverkehr hat im Monatsdurchschnitt seit Oktober 1924
rund 96 Millionen Mark erbracht; im März 1925 waren es 97 Millionen
Mark, im April 118 und im Mai 128 Millionen Mark. Es scheint
also, als ob der Verkehr sich an der Erhöhung im April 1925
nicht gestoßen hat, Hiermit wird es die Reichsbahn aber
auch genug sein lassen müssen, Die Personenfahrpreise sind
gegenüber dem Frieden reichlich hoch, wenn man bedenkt,
daß die Tarifsteigerung ohne Verkehrssteuer bei der 1.—4, Klasse
sich zwischen 33 und 50 % bewegt und daß die Steigerungen einschließ-
lich der Verkehrssteuer 54—65 % betragen.
Viel richtiger ist es, die Betriebsführung in kaufmännisch ge-
schickter Weise den Verkehrsbedürfnissen anzupassen. Häufig sieht
man lange Züge fahren, die schwach besetzt sind. Es erscheint
zweckmäßiger, kurze, leichte Züge zu verwenden und öfter den Verkehr
zu bedienen, Besondere Aufgabe der Fahrpländezernenten möchte es
sein, die Anschlußverhältnisse bestmöglich zu regeln. Die Einnahmen
der Bahnverwaltung werden nur gehoben, wenn man den Bedürfnissen
des Publikums mehr nachkommt, Sonderzüge und Sonntagszüge zu
richtigen Zeiten werden meistens gut besetzt sein. Warum bei den
meisten Relationen keine Sonntagsfahrkarten 2, Klasse ausgegeben
werden und warum die Bahn sich diese erhöhten Einkünfte entgehen
läßt, ist schwer verständlich. Bei allen tarifarischen und betrieblichen
Maßnahmen sollte aber darauf gesehen werden, daß der Berufsverkehr
geschont und gefördert wird, In dieser Richtung ist es zu begrüßen,
daß der Vorortverkehr in Berlin und Hamburg von der allgemeinen Er-
höhung vom 1, Mai d, J, nicht betroffen worden ist; es muß auch er-
wartet werden, daß die Reichsbahnverwaltung dem Vorortverkehr der
übrigen großen deutschen Städte und der Ausbildung der richtigen Zug-
lagen mehr als bisher Aufmerksamkeit schenkt. Der Schonung bedarf
insbesondere der reisende Kaufmann, und so schwer auch die Abgren-
zung dieses Teiles des Berufsverkehrs von dem Vergnügungsverkehr
sein mag, eine Lösung dieser Frage, die vielleicht in der Einführung
von Kilometerheften nach früherem badischen System liegt, muß ge-
funden werden,
Sehr erfreulich ist es, daß die Reichsbahnverwaltung mehr, als dies
früher bei der Staats- und Reichsregie der Fall war, dazu übergeht,