Full text: Die deutsche Wirtschaft

42 Prof. Dr. Ernst Schultze: 
den Ablauf der fünfjährigen Frist, die uns bis zum 10, Januar 1925 
an Händen und Füßen fesselte, die Bewegungsfreiheit zurückgegeben 
wurde, Indessen werden wir durch den Abschluß neuer Handels- 
verträge nur den Rahmen schaffen können, innerhalb dessen 
sich ein Wiederanstieg unserer Fertigwaren-Ausfuhr vollziehen kann. 
Um sie wieder auf die alte Höhe zu bringen, müssen wir uns der 
Kräfte erinnern, die vor dem Kriege die deutsche 
Industrie groß gemacht haben. Sie bestanden in dem 
Fleiß unseres Volkes, in organisatorischem Geschick und in der Ver- 
geistigung unserer Arbeit, 
Der alte Fleiß war in den Flitterwochen der Revolution verloren- 
gegangen und wollte sich lange nicht wieder einstellen, Aber die 
Wiedergesundung ist, das beobachten wir deutlich, auf dem Marsche. 
Unser organisatorisches Geschick haben wir, wie die 
bösen Erfahrungen, die wir mit der Überorganisation in der Kriegs- 
und Nachkriegszeit machten, beweisen, zu hoch eingeschätzt‘). Allein 
in dieser Beziehung ist auch im Auslande viel gesündigt worden, 
Daß die deutsche Volkswirtschaft organisatorisch Treffliches 
leisten kann, hat beispielsweise die Tatsache erwiesen, daß einige 
große Schiffahrtslinien der U, S. A., die über einen gewaltigen Schiffs- 
park und beträchtliche Kapitalsummen verfügen, im Jahre 1919, obwohl 
Deutschland seiner ganzen Handelsflotte beraubt war, mit unseren 
beiden größten Schiffahrtslinien (Hamburg-Amerika-Linie und Nord- 
deutscher Lloyd) vertragsmäßig ein Zusammenarbeiten vereinbarten, 
um sich die organisatorischen Einrichtungen und Fähigkeiten der deut- 
schen Reedereien nutzbar zu machen. 
Die zähe Tatkraft der deutschen Schiffahrtsgesellschaften hat 
darüber hinaus in wenigen Jahren Dinge erreicht, die im Auslande 
bestaunt werden und auf die wir mit Fug und Recht stolz sein dürfen. 
Schon ist unsere Kauffahrteiflotte im Umfange von etwa zwei Dritteln 
der früheren wieder aufgebaut. Der alte Hanseatengeist hat sich durch 
das Unglück Deutschlands nicht niederbeugen lassen, In Schiffbau 
und Schiffahrt sind Erfindungen gelungen — ich brauche nur an das 
Flettner-Rotorschiff zu erinnern oder an das Flettner-Ruder —, die eine 
neue Epoche in der Schiffahrt heraufzuführen bestimmt sind, 
Erfindungen! Das ist die Losung auch für unsere Industrie. 
An Erfindergeist und technischer Schulung hat sie wenig ebenbürtige 
Nebenbuhler, In der Denkschrift der „Deutschen Gewerbeschau” 
München im Jahre 1924 ist das Programm unserer besten Industrie- 
°*) Siehe über diese Fragen mein Buch: „Organisatoren und Wirtschaftsführer", 
Leipzig. Brockhaus, 1923. Ferner: „Not und Verschwendung‘, ebenda 1923, besonders 
das Kapitel über die Bürokratie (S. 454 £.).
	        
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