Full text : Die deutsche Wirtschaft

78 Leopold Merzbach:
Diese werden dadurch verschärft, daß zwar der Rechtskonstruktion
nach das demokratische, in der Realität aber das autokratische Prinzip
in der Körperschaft vorherrscht: der groß angelegte Unternehmer duldet
 nur selten gleichstehende Kräfte neben sich. Ihn treibt meist nicht
Gewinnsucht, sondern ihn beherrschen Machtwille wie Schöpferlust.
Derartige Naturen werden Könige der Wirtschaft. Überschreiten sie
nicht die Grenzen ihrer technischen und finanziellen Leistungsfähigkeit,
so entstehen stolze Unternehmungen. Andernfalls scheitern sie aber
an dem Mißverhältnis zwischen Wollen und Können. Zu welch tragischen
 Konflikten dies führen kann, hat Ibsen in John Gabriel Borkman
 in künstlerischer Wiedergabe realer Vorkommnisse gestaltet,
In günstigen Zeiten konnten aber die meisten von Erfolg gekrönt
werden. Aus ihrem genialischen Drang und aus den ökonomischen
Notwendigkeiten erwuchsen die neugebildeten Formen der Wirtschaftsorganisation.
 So entstanden Kartelle und Syndikate mit Monopolcharakter,
 Die in ihnen zusammengeschlossenen Betriebe konnten
Preise diktatorisch festsetzen und Löhne bestimmen. Zwischen gleichartigen
 Unternehmungen bildeten sich Interessengemeinschaften, nicht
nur zur Verminderung der Kosten, auch um das Gesamtgebiet zu beherrschen.
 Aus ihnen entwickelten sich dann noch engere Zusammenschlüsse:
 Fusionen, in welcher Form das machtvollere Unternehmen
den schwächeren Konkurrenten aufsaugte. Darüber hinaus noch entstanden
 Konzerne: Wirtschaftsgebilde, die Einfuhr des Rohstoffes, die
Gewinnung des Halbfabrikates bis zum Vertrieb des Endproduktes in
sich vereinend, Derartige Vertikalkonzerne fanden Unterstützung in
der Gesetzgebung, zumal in den letzten Jahren: hohe Umsatzsteuern
wurden durch die Vertikalkonstruktion des Konzerns gespart.
Wagemutige Unternehmer sind noch weiter geschritten: sie haben
Konzerne gebildet, die nicht einmal mehr ein organisches Ganze bilden,
und sind in einander ganz fern liegende Wirtschaftsgebiete eingedrungen,
 Sie haben dadurch ihr Risiko vermehrt, insbesondere, wenn sie
sich schließlich Konzernbanken zur Erledigung der Finanzangelegenheiten
 angliederten. Ganz gewiß muß die finanzielle Leitung eines
großen Unternehmens, auch dann, wenn es an vielen Orten Betriebsoder
 Vertriebsstätten hat, eine einheitliche sein. Das muß aber auf organisatorischem
 Wege erreicht werden. Schließt das Wirtschaftsunternehmen
 sich jedoch eine sich lediglich seinen Interessen widmende
Bank an, so steht und fällt diese Bank mit dem Ansehen und der Rentabilität
 des Mutterunternehmens, Sie ist gerade zur Zeit, wenn ihre Hilfe
in Krisen gebraucht wird, zur Ohnmacht verurteilt. Stockungen blieben
allerdings in der Vorkriegszeit nur ganz vereinzelte Erscheinungen,
            
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