Industrie und Finanz, 79
dank dem gesunden, immer fester werdenden Aufbau der Wirtschaft,
den Industrie und Finanz gemeinsam aufrichteten.
Diese beiden Elemente der Wirtschaft wußten sich im Kriege den
Kriegsbedürfnissen anzupassen. Krieg zeitigt erhöhten Verschleiß aller
Waren, Die Absatzmöglichkeit der für Kriegsbedarf nötigen Güter war
demnach eine unbegrenzte; nur um die Leistungsmöglichkeit handelte
es sich. Diese entstand auf einer ungeheuer verbreiterten Produktions-
basis.
Sie konnte errichtet werden, weil die Finanzierung, je mehr die
Finanzpolitik zur Inflation führte, eine in jeder Hinsicht leichte war,
Der Staat war nicht nur kulanter Zahler für Lieferungen, er gewährte
bei Kriegslieferungen die Mittel selbst zur Erweiterung der Anlagen.
Die Reichsbank war bis zum höchsten Maße freigebig in Diskontierun-
gen. Die Banken gewährten Kredite, ohne zu erkennen, daß sie gegen
weggegebenes gutes Geld schlechtes zurückempfingen. Sie waren fer-
ner zur Aktienübernahme geneigt, weil das Publikum durch die immer
wachsende Notenvermehrung Kapitalien frei hatte und sich zu Aktien-
käufen drängte, Es sah die rauchenden Schornsteine, beobachtete die
völlige Ausnützung der Kapazität und war dadurch zur Beteiligung an
Unternehmungen geneigt. Auf diese Weise glaubte es, die Flucht in
die Sachwerte vollziehen zu können, als das Mißtrauen in die Währung
im Verlaufe des Krieges und der Nachkriegszeit immer weitere Kreise
beherrschte.
Noch ein anderes bestimmte die große Masse: mit der Aus-
schüttung von Dividenden, mochten sie auch in Papiermark das Viel-
fache des Aktiennominalbetrags erreichen, war ihr nicht gedient, da der
Besitz von Geld unerwünscht war, Diese Konjunktur benützten die Ver-
waltungen zur Erhöhung der Eigenkapitalien, indem sie altem Besitz
neue Bezugsrechte anboten.
Auf diese Weise trat in der Inflationszeit das Finanzproblem in
den Mittelpunkt der Betriebsaufgaben. Es mußte nicht nur die finan-
zielle, sondern auch die allgemein kaufmännische Leitung in Atem
halten. Ein Fehler in der Gelddisposition konnte alles über den Haufen
werfen, Handel und Industrie mußten daher in erster Linie Sorge tra-
gen, den Gefahren der Währungsverschlechterung zu entgehen. Jeder
strebte, dieses Risiko auf den anderen abzuwälzen. Der Käufer wollte
nur mit möglichst weit gestreckten Zahlungsverpflichtungen erwerben,
der Verkäufer auf raschen Eingang seiner Forderungen bedacht sein.
Im gesamten Wirtschaftsleben, im Verhältnis zwischen Arbeitgeber und
Arbeitnehmer, in dem vom Produzenten zum Konsumenten, entstand
ein Kampf aller gegen alle.