zZ Das Verständnis der Quellen
(damit meint er den obskuren hebräischen Scribenten, den er mit den
Engeln vergleicht) nur nach der sinnlichen Erscheinung schrieb“. Ein
einziger solcher Satz genügt ohne weitere kritische Beleuchtung der
vielfachen tatsächlichen Irrtümer, die er enthält, vollkommen als Beweis
dafür, daß der kgl. Sektionsrat i. R. sich ohne die nötige Sachkenntnis
an ein theologisches Thema gewagt hat und infolgedessen zum rechten
Verständnis seiner Quellen nicht gelangt ist.
Etwas ernster wird die Sache, wenn selbst Gelehrte wie Adolf
Harnack, Otto Zöckler, Adolf Jülicher in vielen Punkten zu einem
völlig falschen Verständnis ihrer Quellen gelangen, weil sie nicht mit
der nötigen Sachkenntnis an manche Teile ihres sehr ausgedehnten
Arbeitsgebietes herangetreten sind, oder aber diese Teile nur ober-
flächlich bearbeitet haben. Wer z. B. das Kapitel über die Gnadenlehre
des hl. Thomas von Aquin in Harnacks Lehrbuch der Dogmengeschichte
(3 [*Freiburg 1897] 550—73) mit den Quellen vergleicht, kann sich
des Eindruckes nicht erwehren, daß hier in vielen Punkten zum Teil
ganz unbegreifliche Mikverständnisse der Lehre des Aquinaten vorliegen,
die bei gründlicherer Kenntnis der scholastischen Doktrinen oder bei
sorgfältigerer Arbeitsweise hätten vermieden werden können. Schon gleich
der Ausgangspunkt der Gnadenlehre des Thomas wird von Harnack
ganz unrichtig angegeben. Der englische Lehrer handelt von der Gnade
in der ersten Hälfte des zweiten Teiles seiner Summa theologica in der
109. bis 114. Quaestio. Harnack beginnt seine Darlegung und Kritik
dieser Doktrin mit den Worten; „Thomas handelt zuerst (0. 109) von
der Notwendigkeit der Gnade. Art. 1 wird festgestellt, daß es unmöglich
sei, ohne Gnade irgend eine Wahrheit zu erkennen“ (Lehrbuch der
Dogmengeschichte 3° 556 f). Man hat schon wiederholt darauf hinge-
wiesen, daß Thomas den zitierten Artikel zwar mit den Worten beginnt:
„Videtur quod homo sine gratia nullum verum cognoscere possit“, daß
er aber seiner Gewohnheit gemäß diese Ansicht im Hauptteil des Ar-
tikels bekämpft und zeigt, daß der Mensch ohne die Gnade nur die
„altiora intellegibilia“ nicht erkennen könne (vgl. M. Notton, Harnack
und Thomas von Aquin. Paderborn 1906).
Für den verstorbenen Greifswalder Professor Otto Zöckler sei
auf die Darlegungen in: „Zeitschrift für kath. Theologie“ 25 (1901)
708—10 verwiesen. Adolf Jülicher gelangt in seinem zweibändigen
Werk über „Die Gleichnisreden Jesu“ (Freiburg 1899) bei manchen
Parabeln zu einer völlig falschen Auslegung, weil er das in Betracht
kommende „Milieu“ Palästinas nicht hinreichend beachtet hat. Die
Belege dafür habe ich an zahlreichen Stellen in meinen „Parabeln des
Herrn“ vorgelegt.
b) Ein anderer Grund unrichtiger Auffassung ist bei
fremdsprachigen Texten nicht so selten in dem Mangel der
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