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X.
Die Naturalwirtschaftslehre und die Naturalrechnun^
in ihren Beziehungen zur Kriegswirtschaftslehre. )
(1916.)
Die Wandlungen, welche unsere gesamte Ordnung erfahren hat, führten
dazu, daß man sich nun allgemein mit der Kriegswirtschaftslehre beschäftigt.
So wertvoll auch ein großer Teil dieser Literatur ist, der auf wirtschaftliche,
politische und soziologische Fragen eingeht, so ist doch bis jetzt wenig für
die theoretische Durchdringung der Kriegswirtschaft geschehen, deren Er
scheinung ausführlich beschrieben, deren Bedeutung für die Volksgesamtheit
in mehr als einer Hinsicht erörtert wird. Gerade eine theoretische Basis
sichert aber erst eine ausreichende Ausnützung des Gelernten in der Zukunft.
Die bemerkenswertesten Einzelheiten verwehen, die bedeutsamsten Wandlungen
werden vergessen, wenn nicht irgendwelche prinzipielle Allgemein
erfahrungen theoretischer Art sich gestalten lassen, die als Vermächtnis
Zurückbleiben.
Die Geschichte zeigt zur Genüge, welche große Wirkungen Theorien da
durch ausüben, daß sie durch ihre knapp formulierten Ergebnisse die all
gemeine Meinung beeinflussen. Es ist gewiß ungemein bemerkenswert, daß
noch während des Krieges 1870/71 namentlich „in der Westschweiz die Weis
heit der Behörden gepriesen wurde, welche die Heilung der Krise, abgesehen
von der Tarifierung der Sovereigns, sich selbst überlassen und damit das
Land vor unabsehbarem Unheil bewahrt hätte'L^) Dabei waren die damaligen
und die Wirtschaftsverhältnisse vor dem Weltkrieg nicht so grundverschieden,
um eine solche Differenz der Anschauungen zu erklären. Aber damals herrschte
eben der klassische Liberalismus, der übrigens auch heute noch weit mehr
Menschen beeinflußt, als man vielfach annimmt. Seine ausgebreitete Wirksam
keit verdankt der klassische Liberalismus nicht so sehr Schilderungen von Zu
ständen, auch nicht zusammenfassenden Betrachtungen über das Wesen der
liberalen Wirtschaftsordnung, als vielmehr seiner abstrakten Theorie, deren
Ergebnisse sich dann breiten Kreisen mitteilten.
Schon im Interesse der Praxis wäre es daher gelegen, wenn die Kriegs
wirtschaftslehre eine entsprechende theoretische Ausbildung erführe. Selbst
verständlich könnte sieh die theoretische Kriegswirtschaftslehre nicht von der
volkswirtschaftlichen Theorie unterscheiden, wenn dieselbe bereits ein allseitig
entwickeltes Ganzes wäre ; aber das ist sie nicht, und viele Fragen, welche die
Kriegswirtschaft betreffen, wurden von ihr sehr stiefmütterlich behandelt, weil
sie eben, ohne es vielfach selbst zu wissen, eine sehr enge Typengruppe von
Friedenswirtschaften untersuchte und nicht die Gesamtheit möglicher Wirt
schaftsordnungen, unter denen sich dann selbstverständlich auch die jetzt in
Erscheinung tretende Kriegswirtschaft mit ihren Besonderheiten befinden müßte.
1) Vergl. Otto Neurath, Nationalökonomie und Wertlehre. (Ztschr.
f. Volksw. Sozialpol. u. Verwalt. Bd. XX, S. 69, 88 f.) — Otto Neurath,
Probleme der Kriegswirtschaftslehre. (Ztschr. f. d. ges. Staatswiss. Jahrg.
1913, S. 489 ff.) — Otto Neurath, Einführung in die Kriegswirtschafts
lehre. (Mitteil. a. d. Intendanzwesen. Wien 1914. Abschnitt Vlll. Organisa
tion der unmittelbaren Realienbeschaffung.)
2) A. Jöhrs, Die Volkswirtschaft der Schweiz im Kriegsfall. Zürich
1912. S. 33.