Kapitel I. Die Physiokräten.
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den 2 Milliarden der nicht verkauften Urprodukte besitzt die produk
tive Klasse wieder die Gesamtsumme der 5 Milliarden, und der Kreis
lauf kann ewig so fort gehen*).
Diese Zusammenfassung gibt nur eine unvollständige Idee der
Kreuz- und Quergänge der Einkünfte, deren Sprünge die Physiokräten
mit kindlicher Freude verfolgten. Und dabei ist ihnen all dies
Wirklichkeit 2 )! Die Tatsache, stets ihre Milliarden wieder vollzählig'
beisammen zu haben, begeistert die Physiokräten, und gleich wie viele
unserer heutigen Mathematiker unter den Nationalökonomen bemerken
sie gar nicht, daß sie am Ende ihrer Rechnungen doch eben nur das
wiederfinden, was sie selbst erst eingestellt haben. Selbstverständlich
ist es klar, daß dieses Tableau nichts in bezug auf den Grund
gedanken ihres Systems beweist, nämlich, daß es eine produktive und
eine sterile Klasse gibt 3 ).
Das Interessante an dem Verteilungssystem der Physiokräten ist
daher nicht die besondere Art, wie sie sich diese Verteilung vor-
stellen, sondern der Grundgedanke, daß der Güterumlauf gewissen f
Gesetzen unterworfen sei, und daß das Einkommen eines jeden, von
diesen Gesetzen des Umlaufs abhänge.
In dieser Dreiteilung der Gesellschaftsklassen fällt der besondere
Platz auf, den die besitzende Klasse einnimmt. Hierin liegt ein ganz
eigentümlicher Zug der physiokratischen Lehre.
Jeden, der das eben beschriebene Tableau nicht mit physio
kratischen Augen, sondern von unserem modernen Standpunkt aus
betrachtet, wird das Dasein dieser Klasse befremden und empören,
dieser Klasse, die ohne irgendwelche Gegenleistung zwei Fünftel des
Volkseinkommens für sich erhebt; und jeder würde annehmen, daß
*) Ttjhgot, der zwar nicht vom Tableau economique spricht, faßt es doch in dem
folgenden Satz sehr gut zusammen: „Das, was der Landarbeiter über seine persön- ;
liehen Bedürfnisse hinaus den Botten erzeugen läßt, ist der einzige Lohnfonds —
Ponds des salaires (man beachte diesen Ausdruck, der berühmt werden sollte);
—, den alle anderen Glieder der Gesellschaft als Tauschwert ihrer Arbeit erhalten. !
Indem sie sich des Preises dieses Tauschwertes zum Ankauf der Lebensmittel des 1
Landarbeiters bedienen, geben sie ihm nur genau das wieder, was sie von ihm er-;
halten haben“ (Tukgot, I, 10. Weitere Einzelheiten finden sich bei Abbe Baudkau,
Explication du Tableau economique). 1
2 ) „Der Vorgang dieses Handels zwischen den verschiedenen Klassen und seine
Grundbedingungen sind durchaus nicht hypothetisch. Wer sich die Mühe nimmt,
darüber nachzudenken, wird erkennen, daß sie getreu nach der Natur gebildet sind“
Quesnay, S. 60).
3 ) Sie bilden es sich jedoch ein: „Man sieht wie die unproduktive Klasse
nur von der sukzessiven Zahlung, von dem Lohn für ihre Arbeit, der untrennbar
von den zum Lebensunterhalt verwendeten Ausgaben ist, abhängt ... Man sieht,
daß es sich nur um Verbrauch und Gütervernichtung, nicht um neue Gütererzen<ning,
handelt 1 (Quesnay, id.).