Metadata: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel I. Die Physiokräten. 
23 
den 2 Milliarden der nicht verkauften Urprodukte besitzt die produk 
tive Klasse wieder die Gesamtsumme der 5 Milliarden, und der Kreis 
lauf kann ewig so fort gehen*). 
Diese Zusammenfassung gibt nur eine unvollständige Idee der 
Kreuz- und Quergänge der Einkünfte, deren Sprünge die Physiokräten 
mit kindlicher Freude verfolgten. Und dabei ist ihnen all dies 
Wirklichkeit 2 )! Die Tatsache, stets ihre Milliarden wieder vollzählig' 
beisammen zu haben, begeistert die Physiokräten, und gleich wie viele 
unserer heutigen Mathematiker unter den Nationalökonomen bemerken 
sie gar nicht, daß sie am Ende ihrer Rechnungen doch eben nur das 
wiederfinden, was sie selbst erst eingestellt haben. Selbstverständlich 
ist es klar, daß dieses Tableau nichts in bezug auf den Grund 
gedanken ihres Systems beweist, nämlich, daß es eine produktive und 
eine sterile Klasse gibt 3 ). 
Das Interessante an dem Verteilungssystem der Physiokräten ist 
daher nicht die besondere Art, wie sie sich diese Verteilung vor- 
stellen, sondern der Grundgedanke, daß der Güterumlauf gewissen f 
Gesetzen unterworfen sei, und daß das Einkommen eines jeden, von 
diesen Gesetzen des Umlaufs abhänge. 
In dieser Dreiteilung der Gesellschaftsklassen fällt der besondere 
Platz auf, den die besitzende Klasse einnimmt. Hierin liegt ein ganz 
eigentümlicher Zug der physiokratischen Lehre. 
Jeden, der das eben beschriebene Tableau nicht mit physio 
kratischen Augen, sondern von unserem modernen Standpunkt aus 
betrachtet, wird das Dasein dieser Klasse befremden und empören, 
dieser Klasse, die ohne irgendwelche Gegenleistung zwei Fünftel des 
Volkseinkommens für sich erhebt; und jeder würde annehmen, daß 
*) Ttjhgot, der zwar nicht vom Tableau economique spricht, faßt es doch in dem 
folgenden Satz sehr gut zusammen: „Das, was der Landarbeiter über seine persön- ; 
liehen Bedürfnisse hinaus den Botten erzeugen läßt, ist der einzige Lohnfonds — 
Ponds des salaires (man beachte diesen Ausdruck, der berühmt werden sollte); 
—, den alle anderen Glieder der Gesellschaft als Tauschwert ihrer Arbeit erhalten. ! 
Indem sie sich des Preises dieses Tauschwertes zum Ankauf der Lebensmittel des 1 
Landarbeiters bedienen, geben sie ihm nur genau das wieder, was sie von ihm er-; 
halten haben“ (Tukgot, I, 10. Weitere Einzelheiten finden sich bei Abbe Baudkau, 
Explication du Tableau economique). 1 
2 ) „Der Vorgang dieses Handels zwischen den verschiedenen Klassen und seine 
Grundbedingungen sind durchaus nicht hypothetisch. Wer sich die Mühe nimmt, 
darüber nachzudenken, wird erkennen, daß sie getreu nach der Natur gebildet sind“ 
Quesnay, S. 60). 
3 ) Sie bilden es sich jedoch ein: „Man sieht wie die unproduktive Klasse 
nur von der sukzessiven Zahlung, von dem Lohn für ihre Arbeit, der untrennbar 
von den zum Lebensunterhalt verwendeten Ausgaben ist, abhängt ... Man sieht, 
daß es sich nur um Verbrauch und Gütervernichtung, nicht um neue Gütererzen<ning, 
handelt 1 (Quesnay, id.).
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.