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Verleger emanzipiert hat und sich alsdann mit erspartem Kapital,
unterstützt durch (landwirtschaftliches) Nebeneinkommen und Roh
stoffkredite etc., zum kl ein kapitalistischen „Fabrikanten“ und „Kon
kurrenten“ der fabrikmäßigen Industrie entwickelte — er spielt auch
heute noch in der deutschen Textilindustrie eine Figur“ 1 ), das glaubt
Tschierschky als persönlicher Kenner der Verhältnisse behaupten
zu können 1 2 ). Durch das Studium der Handels- und Gewerbekammer-
berichte muß sich auch uns die Überzeugung aufdrängen, daß, sobald
ein oder anderthalb Jahre die Konjunktur einigermaßen günstig ist,
gerade die kleinen Unternehmungen wie Pilze nach dem Regen aus dem
Boden schießen. Und sie sind es denn auch größtenteils, die die
Aufbesserung der Lage des ganzen Industriezweiges ungeheuer er
schweren. Sie arbeiten mit den geringsten Selbstkosten und ziehen
die Preise auch für die Konkurrenten herunter und verhindern anderer
seits jede Selbsthilfe, „weil diese Unterschicht | von Fabrikanten] quan
titativ und qualitativ weder föderativ noch weniger aber kapitalistisch
zu organisieren ist“ 3 ). Unter dem Druck dieser Verhältnisse machen
sich nun zwei verschiedene Tendenzen bemerkbar, nämlich die Ten
denz zur Ausschaltung des Zwischenhandels und das Bestreben nach
einer strafferen Organisation der Unternehmer unter sich. Der Fabrikant
wird in zunehmendem Grade selbst Fländler, errichtet Fabriknieder
lagen, verkauft direkt an den Konsumenten. Die Koalition der deutschen
Spinner und Händler bezweckt nichts anderes als direkten Einkauf
beim Produzenten. Auf der anderen Seite aber geht damit das Streben
nach strafferer Organisation Hand in Hand. Mit der Gewerbefreiheit
kommt man zur Zügellosigkeit der Produktion, zur Überproduktion,
die immer wieder zu Krisen führen muß. Jetzt heißt es wieder:
Rückkehr zu genossenschaftlicher Regelung von Produktion und
Absatz, aber nicht von seiten des Staates, sondern aus der Initiative
der Gewerbetreibenden selbst heraus.
Schon von Beginn der kapitalistischen Produktionsweise an
tritt das persönliche Moment, die persönliche Tüchtigkeit des Unter
nehmers zurück gegenüber der Macht des Kapitals. Mit dem größeren
Einströmen und der größeren Konzentration des Kapitals macht die
Einzelfirma immer mehr der unpersönlichen Aktiengesellschaft oder
Kommanditgesellschaft auf Aktien oder der Gesellschaft mit be
1) Vgl. Heinr. Bern heim, Die Hausindustrie des südlichen Schwarzwaldes. Schriften
des V. f. Sozialpolitik, Bd. LXXXIV, Leipzig 1899, S. 391. Eine treffliche Illustration
zu Tschierschkys Behauptung!
2) A. a. O., S. 35.
3) Ebenda, S. 38.